Kristall der Träume
davonlaufen. Eine Tages, fürchtete sie, würde sie so gesichtslos sein, dass ihre Identität nicht mehr festzustellen war.
Schließlich stand Cornelius von seinem Schreibtisch auf und reichte ihr eine kleine Schatulle aus Ebenholz. Amelia staunte. »Was ist das?«
»Nimm.«
Er hatte ihr ein Geschenk mitgebracht? Ihr Herz machte einen winzigen, hoffnungsfrohen Hüpfer. Hatte er in Ägypten Zeit zum Nachdenken gehabt und eingelenkt? Sie dachte an den Vogeldeuter, der ihr einen Mann mit offenen Armen vorhergesagt hatte, und fragte sich aufgeregt, ob Cornelius ihr womöglich vergeben hatte. Als sie die Schachtel öffnete und sah, was darin lag, hielt sie den Atem an –
es war die kostbarste Halskette, die sie je gesehen habe.
Mit zitternden Fingern nahm sie die Kette heraus und hielt sie ins Licht. In das meisterlich gefertigte Geschmeide war ein wunderbarer blauer Stein gefasst, tropfenförmig und glatt, der in allen Schattierungen des Himmels, des Regenbogens und tiefer Gewässer schimmerte. Als sie die Kette im Nacken verschluss, sagte Cornelius: »Der Legende nach wurde diese Kette im Grab einer ägyptischen Königin gefunden, die ihren Gatten betrogen hatte und dafür mit dem Tod bestraft wurde.« Mit einem Schlag waren Amelias Hoffnungen ausgelöscht.
Sie fuhr aus dem Schlaf.
Durch das geöffnete Fenster hörte Amelia den nie verstummenden Lärm der Stadt. Tagsüber war Wagenverkehr in Rom nicht erlaubt, demgemäß erklangen des Nachts das Klappern von Hufen und das Ächzen der Pferdekarren. Es war jedoch nicht die Stadt, die sie geweckt hatte. »Wer ist da?«, flüsterte sie in das Dunkel. Als keine Reaktion erfolgte, blieb sie still liegen und hielt den Atem an. Sie glaubte, eine Präsenz im Zimmer zu spüren.
»Cornelius?«, fragte sie, obwohl das unmöglich schien.
Sie fühlte einen kalten Schauer auf der Haut. Von namenloser Furcht erfüllt, setzte sie sich auf. Ihr Zimmer lag in helles Mondlicht getaucht. Amelia sah sich um, aber da war niemand. Und doch meinte sie, etwas zu spüren.
Sie schlüpfte aus dem Bett und ging auf Zehenspitzen ans Fenster. Vor ihr lagen die Dächer, Türme, Hügel und Täler Roms im Mondlicht. Der anhaltende Straßenlärm drang seltsam feierlich und gedämpft an ihr Ohr, als ob Geister die Pferde und Maulesel antrieben.
Ein eisiger Hauch streifte ihren Rücken. Sie fuhr herum, spähte mit geschärften Sinnen in das Zimmer. Im fahlen Licht des Mondes bildeten die Möbel unheimliche Reliefs. Es sah gar nicht mehr wie ihr Schlafzimmer aus, sondern ließ sie an eine Grabkammer und den Tod denken.
Amelia tappte über die kalten Fliesen zu ihrem Ankleidetisch und betrachtete die Schatulle, die Cornelius aus Ägypten mitgebracht hatte. Und plötzlich wusste sie: Dort lag die namenlose Präsenz. Der abscheuliche blaue Kristall, der tausend Jahre lang auf der Brust einer toten Frau gelegen hatte, machte ihr Angst. Beim ersten Betrachten hatte Amelia lange und tief in das blaue Herz des Steins geblickt, und was da zu sehen war, hatte sie so heftig erschreckt, dass sie die Kette weggeschlossen und sich geschworen hatte, sie nie wieder hervorzuholen. Denn sie hatte den Geist der toten Königin gesehen.
Als das erste Sonnenlicht ins Zimmer drang, saß Amelia wie gewohnt an ihrem Ankleidetisch, schminkte sich, sortierte ihre Juwelen und ließ sich das Haar richten: ein notwendiges Ritual. Ihre äußere Erscheinung zu pflegen half ihr, ihr inneres Gleichgewicht zu wahren. Indem sie Anweisungen für ihre Frisur gab, konnte sie ihre Gefühle kontrollieren. Indem sie tat, was von ihr erwartet wurde, brauchte sie nicht zu denken oder Entscheidungen zu treffen. Eine Frau ihres Standes musste bestimmte Regeln einhalten, und Amelia erfüllte dies bis ins letzte Detail. Vor langer, langer Zeit hatte sie Cornelius geliebt, heute vermochte sie nicht einmal mehr zu sagen, wie es war, Cornelius zu lieben, ja überhaupt zu lieben. In den Poeten war sie nicht einmal verliebt gewesen, ein Mann, den sie knapp eine Woche gekannt hatte und dessen Gesicht bereits in ihrer Erinnerung verschwamm. Im Rückblick konnte sie sich nicht einmal mehr die Gefühle erklären, die sie in seine Arme getrieben hatten, und nichts war von ihrer flüchtigen erotischen Begegnung geblieben.
Ehebruch war eine merkwürdige Angelegenheit. Es kam immer darauf an, wer ihn beging und mit wem. In den niederen Ständen gehörte die eheliche Untreue beinahe zum Alltag und auf jeden Fall zum Witzrepertoire der Theater. Für die
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