Kristall der Träume
und begann ihre Nase zu kitzeln.
In schmerzvoller Erinnerung schloss Amelia die Augen. Sie dachte daran, wie sie selbst damals in den Wehen lag, ihr letztes Kind gebar, das Cornelius nicht hatte annehmen wollen und stattdessen einem Diener befahl, den wenige Minuten alten Säugling auf einem Abfallhaufen auszusetzen. Amelia hatte das Kind nie zu sehen bekommen, man hatte es aus dem Mutterleib direkt zu Cornelius gebracht, der es, nach einem Blick auf seinen verkrüppelten Fuß, für untauglich erklärt hatte. Seither quälte Amelia sich mit Vorwürfen, dass sie etwas falsch gemacht hatte, denn nur sie allein traf doch die Schuld. Wie sonst sollte man sich die Deformation erklären? Mit kummervollem Herzen war sie die Monate der Schwangerschaft in Gedanken durchgegangen auf der Suche nach dem einen Fehltritt, dem einen Fehler, den sie begangen hatte. Schließlich war sie darauf gekommen: Es war an dem Tag, da sie im Garten ihres Stadthauses gesessen und Gedichte gelesen hatte.
Den Schmetterling auf ihrem Fuß hatte sie erst bemerkt, als sie aufblickte. Fasziniert von seiner Schönheit und beinahe beglückt von seiner Nähe, hatte sie über seine Pracht gestaunt und die Art, wie er so unbekümmert dasaß und die zerbrechlichen Schwingen bewegte, dass sie ihn nicht verscheucht hatte. Wie lange der Schmetterling auf ihrem Fuß gesessen hatte, vermochte sie nicht zu sagen, aber offenbar lange genug, um ein Mal auf dem Baby in ihrem Leib zu hinterlassen, denn drei Monate später wurde das Kind mit einem verdrehten Fuß geboren, und damit war sein Schicksal besiegelt.
Ihre Tochter sollte nicht die gleichen Qualen durchmachen wie sie bei ihrem letzten Kind. Deshalb hatte sich Amelia in den letzten Monaten so besorgt um ihre Tochter gezeigt, hatte die Auspizien mehrmals am Tag gelesen, hatte nach Vorzeichen ausgeschaut und streng darauf geachtet, keine Tabus zu brechen oder Unglück ins Haus zu ziehen. So war eine schwarze Katze, die sich in ihren Garten verirrt hatte, sofort getötet worden, während eine streunende weiße Katze ins Haus geholt und verwöhnt worden war. Nachdem die Feder keinen Erfolg gezeitigt hatte, streute sich die Hebamme etwas Pfeffer auf den Handteller, hielt ihn Cornelia unter die Nase und befahl ihr, tief einzuatmen. Sie gehorchte, worauf sie so heftig niesen musste, dass das Baby nach unten gedrückt wurde und wenig später auf das bereitgelegte Tuch glitt. Unter Amalias aufmerksamen Blicken trennte die Hebamme die Nabelschnur durch. »Ist es ein Junge?«, fragte Cornelia atemlos. »Ist er wohlgestaltet?« Amelia hütete sich zu antworten. Wenn ein Baby geboren war, lag die Angelegenheit nicht mehr bei den Frauen, sondern in den Händen des Ehegatten. Falls er das Kind zurückwies, war es besser, dass Cornelia nichts davon erfuhr, denn es würde erbarmungslos auf einem Abfallhaufen den Elementen ausgesetzt werden. Sobald die Hebamme das Neugeborene in eine Decke gewickelt hatte, nahm Amelia das Bündel in die Arme und eilte damit aus dem Zimmer.
Hinter ihrem Rücken hörte sie Cornelia abermals fragen, ob es ein Junge oder Mädchen war, doch die Hebamme, aus Erfahrung klug, hielt den Mund. Je weniger eine junge Mutter über ihr Neugeborenes erfuhr, desto besser. Man wusste ja nie. Amelia betrat das Atrium, und sofort hoben sich die Köpfe der dort sitzenden jungen Männer: Es waren ihr ältester Sohn Cornelius, der bereits zwei kleine Kinder hatte; ihr nächster Sohn, der Zwillingsbruder von Amelias zwanzigjähriger Tochter; ihr jüngster Sohn, der gerade dreizehn war, Vettern und enge Freunde und schließlich Cornelias Ehegatte, gerade neunzehn Jahre alt. Angesichts des Ernstes und der Gewichtigkeit der Handlung, die er, einer alten Tradition folgend, gleich vornehmen sollte, richtete er sich stolz zu voller Größe auf.
Amelia legte ihm das Baby vor die Füße und trat einen Schritt zurück. Mit angehaltenem Atem verfolgten die Umstehenden, wie der Gatte die Decke zurückschlug, um das Geschlecht des Kindes zu sehen. War es ein Mädchen und ohne jeden Makel, würde er es als sein Kind anerkennen und es von Sklaven zu einer Amme bringen lassen, wie es die Sitte gebot. War es jedoch ein makelloser Junge, musste er ihn hochheben und ihn vor der Familie und den Freunden als seinen Sohn erklären.
Der Augenblick zog sich endlos hin, und Amelia wurde beinahe übel vor Angst. Vor sechs Jahren: Cornelius teilt die Decke, sieht, dass das Baby ein Mädchen ist, und bemerkt dann den verkrüppelten
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