Kristall der Träume
Fuß. Mit abgewandtem Gesicht winkt er ärgerlich einem Sklaven, der den Säugling wie ein Stück Abfall wegfegt. Und die erst elfjährige Cornelia kommt in ihr Zimmer gestürzt und fragt: »Mama, Papa hat angeordnet, dass das Baby weggeworfen wird!. War es ein Ungeheuer?«
Und nun war es Cornelia, die auf die erlösenden Worte wartete…
Das Neugeborene war ein Junge, wohlgestaltet und ohne jeden Makel. Der junge Vater hob das Baby strahlend hoch. »Ich habe einen Sohn!«, rief er, und die Umstehenden brachen in Freudenrufe aus und überboten sich mit Glückwünschen.
Amelia versagten vor Erleichterung fast die Beine. Als sie gerade zu ihrer Tochter eilen wollte, ihr die gute Nachricht zu überbringen, entstand plötzlich Unruhe im Haus. Philo, der Majordomus, stand mit feierlichem Ernst in der Tür. »Gebieterin, der Herr ist angekommen.«
Ihre Hand flog zum Mund. Sie war nicht bereit! Amelia eilte nicht zu Cornelius’ Begrüßung, sondern beobachtete aus dem Schatten heraus, wie die Sklaven ihrem Herrn und Gebieter mit Speisen und Wein aufwarteten, ihm aus der Toga halfen und sich im Eifer der Wiedersehensfreude um ihn bemühten. Ohne den Herrn war das Leben auf dem Land sterbenslangweilig. Er nahm ihre Ehrerbietung huldvoll wie ein König entgegen. Mit seinen fünfundvierzig Jahren war Cornelius immer noch ein stattlicher, schöner Mann mit nur wenig Grau an den Schläfen. Amelia konnte sich fast noch daran erinnern, wie es war, in ihn verliebt zu sein. Das war, bevor sie sein kaltes, unversöhnliches Herz zu spüren bekam, nachdem Freunde ihm ihre flüchtige Affäre mit einem durchreisenden Poeten hintertragen hatten. Sie hatte Cornelius alles gebeichtet und um Vergebung angefleht, weil sie sich nur aus Kummer über den Verlust ihres Kindes zu dieser Dummheit hatte hinreißen lassen. Cornelius jedoch erklärte, dass er ihr nie vergeben würde, und von da an änderte sich ihr Leben grundlegend.
Verstohlen folgte sie ihm bis zum Geburtszimmer, wo er seinen Schwiegersohn beglückwünschte und sich den Säugling besah. Dann setzte er sich zu Cornelia ans Bett und beugte sich über sie. Sie war immer seine Lieblingstochter gewesen. Wenn die beiden zusammen waren, fühlte Amelia sich immer ausgeschlossen. Was für Geheimnisse flüsterte er ihr jetzt wohl wieder ins Ohr? Ein kleiner Junge kam ins Zimmer gerannt. »Papa! Papa!« Lucius, ein pummeliger Neunjähriger, gefolgt von einem alten Jagdhund namens Fido, dem in Rom beliebtesten Namen für einen Hund, denn er bedeutete »treu«. Fido wäre auch ein passender Name für den Jungen gewesen, denn er betete seinen Vater an und folgte ihm wie ein Schatten. Amelia sah, wie Cornelius das Kind liebevoll in die Arme schloss. Er war nicht ihr leiblicher Sohn. Cornelius hatte den Jungen adoptiert, als er im Alter von drei Jahren verwaiste. Er war der Sohn eines entfernten Cousins und gehörte damit zur Familie. So sehr Amelia sich auch bemühte, das Kind zu lieben, ihr Herz blieb kalt. Das lag nicht an dem Jungen, sie konnte nur nicht darüber hinwegkommen, dass Cornelius den Sohn einer anderen Frau umarmte, während er sein eigenes Kind ablehnte. Sie war siebenunddreißig, als sie ihr letztes Kind empfing. Damals schon hatte sie die Veränderungen in ihrem Körper gespürt, die Anzeichen, dass ihre fruchtbaren Jahre sich dem Ende näherten. Insofern hatte diese Schwangerschaft eine besondere Bedeutung für sie gehabt, weil es ihre letzte sein würde, und sie hatte das werdende Leben in ihrem Schoß viel inniger empfunden als bei den vorangegangenen Schwangerschaften. Dieses Kind würde ihr im Alter Gesellschaft leisten, wenn die Geschwister bereits erwachsen und aus dem Haus waren, und würde dafür mit der besonderen Aufmerksamkeit und Weisheit einer reifen Mutter belohnt. Und dann hatte Cornelius es einfach weggeworfen. Amelia hatte sich einzureden versucht, dass sie dankbar sein sollte, fünf lebende Kinder aus zehn Schwangerschaften zu haben. Sicher ein Gunstbeweis der Götter.
Weil die Säuglingssterblichkeit so groß war, gab man römischen Kindern erst mit dem Erreichen des ersten Lebensjahres einen Namen. Hatte dieses besondere Kind womöglich überlebt? Gab es irgendwo in Rom ein kleines Mädchen, das auf einem verkrüppelten Fuß herumhumpelte? Es kam manchmal vor, dass Menschen beim Durchwühlen der Abfallberge Babys mitnahmen, die noch atmeten.
Dies geschah jedoch nicht etwa aus Mitleid, sondern aus reiner Profitgier: Ein kleines Kind ließ sich mit
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