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Kristall der Träume

Kristall der Träume

Titel: Kristall der Träume Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Barbara Wood
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wieder zu etwas nütze.
    Cornelius gehörte mittlerweile zum inneren Zirkel Neros und verbrachte immer mehr Zeit im kaiserlichen Palast. So war es in ihrem Haus beklemmend still geworden. Es gab nur noch Gaius, der in zwei Jahren die schneeweiße Toga der Mannbarkeit erhalten würde und die meiste Zeit mit seinen Freunden oder Erziehern verbrachte; und den kleinen Adoptivsohn Lucius, um den sich sein Kindermädchen, seine Erzieher und Cornelius kümmerten. Amelia wanderte meist rastlos durch die ausgestorbenen Räume, die Säulengänge und die Gärten ihrer Villa auf dem Aventin, als ob sie nach etwas suchte, und Rahel versicherte ihr, dass sie auf der Suche nach dem richtigen Glauben war. Aber warum hatte Amelia ihn dann noch nicht in diesem Klima religiösen Eifers gefunden? Bei einigen Versammlungen hatte sie erlebt, wie Menschen sich zu Boden warfen, unverständliches Zeug brabbelten oder das Ende der Welt prophezeiten. Obwohl in der Gruppe gebetet und gesungen wurde, neue Bekehrte getauft, der Erlöser und das ewige Leben beschworen wurden, blieb Amelia von alledem unberührt.
    Sie machte sich daran, eine besondere Speise für Japheth zu bereiten, dem das Essen Schwierigkeiten bereitete, seit ein grausamer Herr ihm die Zunge abgeschnitten hatte. Ein Priester des Jupitertempels hatte gespottet: »Wie soll dein Gott dich hören, wenn du nicht sprechen kannst?«, und ihm gegen Bezahlung angeboten, seine Gebete laut vorzutragen. Daraufhin hatte sich Japheth Raheis Gemeinde angeschlossen, weil der Gott der Juden auch stumme Gebete erhörte.
    Als Amelia das Brot an Cleander, einen jungen Sklaven mit einem Klumpfuß, weiterreichte, wurde sie ungewollt an ihr verlorenes Kind erinnert und fragte sich, ob es wohl überlebt hatte oder bereits im Himmel war und auf seine Mutter wartete, wie Jesus verheißen hatte. Wenn sie doch nur glauben könnte! Was Amelia jedoch in Raheis Gruppe suchte, war weniger der Glaube als die Gesellschaft der anderen. Hier wurde sie gebraucht und fühlte sich als Teil einer Familie. Es störte Amelia nicht, dass jeder Mensch etwas anderes in Jesus sah – Zauberer, Rebell, Lehrer, Heiler, Erlöser, Gottessohn –, denn hatte Jesus nicht selbst in Gleichnissen gesprochen, sodass ein jeder die Botschaft seinem Glauben gemäß auslegen konnte? Für Amelia war Jesus der Lehrer eines moralischen Lebens. Sie erkannte keine Göttlichkeit in ihm, keine Wunderkräfte, mit vielleicht einer Ausnahme: Seine Botschaft hatte wieder Freude in ihr Leben gebracht. Das war ein Wunder.
    Ob Cornelius die Veränderung in ihr bemerkt hatte? Und wenn er überhaupt an sie dachte, was meinte er wohl, womit sie ihre Zeit zubrachte? Stellte er sich wirklich vor, sie und Rahel gluckten zusammen, um über die Enkelkinder zu sprechen oder die aktuelle Haarmode zu erörtern? Amelia wagte gar nicht, sich seine Reaktion vorzustellen, wenn er erfuhr, dass seine Gattin das Brot mit Menschen von niedrigem Stand teilte oder dass sie sein Hochzeitsgeschenk, ein Armband, versetzt hatte, um einen Juden aus Tarsus aus dem Gefängnis freizukaufen.
    Cornelius. Nach all diesen Jahren verstand sie ihn immer noch nicht. Warum musste er sie, zum Beispiel, nach sechs Jahren immer noch bestrafen und bei jeder Gelegenheit demütigen, wenn es doch an der Zeit gewesen wäre, Gras über die Angelegenheit wachsen zu lassen? Doch dann hatte sie die schrägen Blicke und das Getuschel hinter ihrem Rücken bemerkt, bis das Gerücht endlich ihr Ohr erreichte: Cornelius hatte die schöne Witwe Lucilla mit nach Ägypten genommen. So war das also. Mit der Halskette sollte die Öffentlichkeit immer wieder an ihren Fehltritt erinnert werden, während Cornelius klammheimlich seinem Vergnügen nachging.
    Von ihrem Landsitz in die Stadt zurückgekehrt, hatten sie und Cornelius sich in das gesellschaftliche Leben Roms gestürzt, in eine endlose Folge von nächtlichen Diners und Galaempfängen, mit denen sich die römische Oberschicht zu unterhalten pflegte. Jedes Mal bestand Cornelius darauf, dass sie die ägyptische Halskette trug, und obwohl sie den Anhänger unter ihrer Tunika verbarg, zwang er sie, ihn vorzuzeigen, während er die Legende von der treulosen Königin erzählte. Neros Frau, die Kaiserin Poppaea, hatte den schweren goldenen Anhänger in der Hand gewogen, den blauen Stein mit schmalen Augen taxiert und schließlich mit unverhohlener Schadenfreude »Skandalös!« gezischt.
    Des Nachts wurde Amelia von Albträumen gequält, bei Tag fühlte sie sich

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