Leopard
bloß ein Gespräch, und so etwas lasse ich für gewöhnlich nicht an die Presse durchsickern.«
»Und auch nicht an meine … nächsten Angehörigen?«
»Nicht, wenn es keinen Grund dafür gibt. Warum sind Sie denn überhaupt gekommen, wenn Sie solche Angst haben, dass Ihr Besuch hier publik werden könnte?«
»Sie haben doch darum gebeten, dass sich alle, die dort waren, melden, da ist es ja wohl meine Bürgerpflicht, oder?« Er sah Harry fragend an und schnitt dann eine Grimasse. »Verdammt, ich hab Angst gekriegt! Ich hab schon kapiert, dass alle, die an diesem Abend in der Hävasshütte waren, irgendwie die Nächsten sein können. Und deshalb habe ich mich ins Auto gesetzt und bin gleich hergefahren.«
»Ist in der letzten Zeit irgendetwas vorgefallen, das Ihnen Angst gemacht hat?«
»Nein.« Tony Leike starrte nachdenklich vor sich hin. »Abgesehen von einem Einbruch durch die Kellertür vor ein paar Tagen. Verdammt, ich sollte mir eine Alarmanlage einbauen lassen, oder?«
»Haben Sie das der Polizei gemeldet?«
»Nein, die haben ja bloß mein Fahrrad geklaut.«
»Und Sie meinen, Serienmörder klauen hin und wieder auch Fahrräder?«
Leike lachte kurz und nickte lächelnd. Nicht das dümmliche Lächeln eines Mannes, der sich dafür schämt, eine Dummheit gesagt zu haben, dachte Harry. Sondern das entwaffnende, gewinnende Lächeln, das sagt: »Ein Punkt für dich, Kamerad.« Eine siegesgewohnte, galante Gratulation.
»Warum haben Sie nach mir gefragt?«
»In der Zeitung stand doch, dass Sie die Ermittlungen leiten, da fand ich das ganz natürlich. Und weil ich, wie gesagt, hoffe, dass diese Infos möglichst in einem kleinen Kreis verbleiben, habe ich mich gleich an die Spitze gewandt.«
»Ich bin nicht die Spitze, Leike.«
»Nicht? In der
Aftenposten
hörte sich das aber so an.«
Harry strich sich über den hervorstehenden Kieferknochen. Er wusste noch nicht recht, was er von Tony Leike halten sollte. Sein gepflegtes Äußeres und der Badboy-Charme erinnerten Harry an den Hockeyspieler, den er vor kurzem in einer Unterwäsche-Reklame gesehen hatte. Leike schien den Eindruck unbekümmerter, weltgewandter Oberflächlichkeit erwecken zu wollen, ohne den wirklichen Menschen darunter mit all seinen Gefühlen richtig verbergen zu können. Wenn es nicht sogar umgekehrt war. Vielleicht war die kühle Oberflächlichkeit echt und die Gefühle nur aufgesetzt.
»Was haben Sie in der Hävasshütte gemacht, Herr Leike?«
»Na, ich war auf einer Skitour.«
»Allein?«
»Ja. Ich hatte vorher ziemlichen Stress in der Arbeit und brauchte eine Auszeit. Ich bin häufig in Ustaoset und am Hallingskarvet-Massiv. Übernachten tue ich dann immer in diesen Touristenhütten. Das ist meine Landschaft, wenn Sie so wollen.«
»Warum haben Sie da oben dann keine eigene Hütte?«
»Dort, wo ich gerne eine Hütte hätte, darf ich keine mehr bauen. Nationalparkvorschriften.«
»Warum war Ihre Verlobte nicht bei Ihnen? Fährt sie nicht Ski?«
»Lene? Sie …« Leike nahm einen Schluck Kaffee. Einen Schluck, wie man ihn nimmt, wenn man eine kleine Denkpause braucht, dachte Harry. »Sie war zu Hause. Ich … wir …« Er sah Harry hilfesuchend an. Harry ignorierte es.
»Verdammt! Keine Presse, ja?«
Harry antwortete nicht.
»Gut«, sagte Leike, als hätte Harry seinen Wunsch bestätigt. »Ich brauchte eine Atempause, musste mal weg. Nachdenken. Die Verlobung, die bevorstehende Hochzeit … Das sind wichtige Sachen, über die man sich klarwerden muss. Und nachdenken kann ich am besten, wenn ich allein bin. Besonders da oben im Gebirge.«
»Das Denken hat Ihnen offensichtlich geholfen.«
Leike präsentierte wieder seine Kachelwand. »Ja.«
»Erinnern Sie sich an die anderen, die in der Hütte waren?«
»Ich erinnere mich, wie gesagt, an Mark Olsen. Ich habe mit ihr ein Glas Rotwein getrunken. Ohne zu wissen, dass sie Abgeordnete war, das hat sie mir erst später gesagt.«
»Und die anderen?«
»Ich weiß nur, dass da noch drei oder vier andere saßen, aber die habe ich nur kurz gegrüßt. Ich bin ziemlich spät in der Hütte angekommen, einige waren sicher schon im Bett.«
»Oh?«
»Draußen im Schnee standen sechs Paar Skier. Das weiß ich so genau, weil ich die wegen der Lawinengefahr mit in die Hütte genommen habe. Ich dachte noch, dass die anderen wohl keine so erfahrenen Berggänger sein konnten. Wenn die Hütte bis zur Hälfte unter drei Meter hohem Schnee begraben ist, steht man ohne Skier schlecht da.
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