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Letzte Ausfahrt Neckartal

Letzte Ausfahrt Neckartal

Titel: Letzte Ausfahrt Neckartal Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thilo Scheurer
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hat uns schließlich zu der Stelle geführt, wo die vier Toten gelegen haben. Wir haben sie ausgegraben. Man hätte fast meinen können, dass die Leichen erst seit ein paar Tagen dort gelegen hatten, so gut erhalten waren sie. Es war eine völlig bizarre, aber für die Ermittlungen vorteilhafte Situation.«
    »Zweifellos Mord?« Treidler schaute in Edgars graue Augen.
    »Ja.« Er nickte. »Die Körper waren durchlöchert von Projektilen. Schon aufgrund der Menge konnten diese nur von Maschinenpistolen abgefeuert worden sein.«
    »Wussten Sie zu dem Zeitpunkt, wer die Toten waren?«
    »Nicht alle. Aber die alte Serbin kannte einen der Toten, und so taten wir uns leicht, die anderen zu identifizieren.« Ein Hustenanfall schüttelte Edgar so heftig, dass ihm vor Anstrengung Schweißtropfen auf die Stirn traten. Als der Husten nachließ, nahm er das Wasserglas zur Hand, trank jedoch nicht, sondern befeuchtete nur seine Lippen.
    »Sind Sie sich wirklich sicher, dass alles in Ordnung ist mit Ihnen?« Melchior musterte ihn.
    Edgar winkte hustend ab.
    »Wer waren die vier Opfer?«, fragte Treidler.
    »Bauern aus dem Dorf. Niemand von denen hätte eine Gefahr darstellen können. Drei von ihnen waren weit über sechzig, die eine jüngere so um die zwanzig.«
    »Warum wurden sie getötet?«
    »Warum wurden sie getötet? Können Sie sich das …« Ein Hustenanfall unterbrach ihn. Mit zittrigen Händen griff er nach seinem Asthmaspray, steckte das Ende in den Mund und inhalierte ein paarmal tief.
    »Wollen Sie etwas trinken?« Melchior beugte sich nach vorne. In ihre Besorgnis mischte sich ein bitterer Zug.
    Edgar schüttelte den Kopf.
    »Was ist mit Ihnen?«
    Wieder erklang das Klirren von Gläsern. Ohne dass Treidler es bemerkt hatte, war der Kellner erneut in den Raum gekommen und räumte einen anderen Tisch ab.
    »Sind Sie stark genug für die Antwort?«
    Melchior nickte.
    »Lungenkrebs – Endstadium«, gab Edgar zurück. »Ich hätte früher weniger rauchen sollen.« Der zynische Unterton in seinen Worten war nicht zu überhören.
    Treidler schluckte. Fraglos war der Mann krank – sehr krank sogar. Gleichwohl traf ihn seine Bemerkung wie ein Keulenschlag. Vielleicht hatte sich Edgar nur zu diesen Treffen bereit erklärt, um die letzte Chance zu ergreifen, den Mörder der Toten von Plakovje zur Strecke zu bringen.
    »Warum wurden sie getötet?«, rief Edgar aus. »Genozid, Völkermord, ethnische Säuberung.« Seine röchelnde Stimme klang, als käme sie aus einem alten Lautsprecher. Ein junges Paar zwei Tische weiter drehte sich zu ihnen.
    Fernsehbilder von den Balkankriegen jagten Treidler durch den Kopf: die Brücke von Mostar, die Heckenschützen in Sarajevo und das Bombardement Belgrads durch NATO -Kampfflugzeuge.
    »Nennen Sie es, wie Sie wollen.« Erneut schüttelte Edgar ein Hustenanfall. Ein Blutrinnsal sickerte aus seinem Mundwinkel. Edgar schnaufte schwer, und seine Hände zitterten. Ungeschickt kramte er in seiner Hosentasche, kam an ein Taschentuch und tupfte sich den Mund ab. »Entschuldigen Sie …«
    »Ethnische Säuberung würde man wahrscheinlich als Erstes annehmen«, sagte Treidler. »Aber was macht Sie da so sicher?«
    Edgar seufzte. »Die alte Frau. Sie sagte damals aus, dass eine serbische Milizeinheit in den Tagen zuvor durch die Gegend gestreift wäre und Albaner aus ihren Häusern vertrieben hat.«
    »Und diese Milizionäre, haben die auch das Massaker an den Zivilisten verübt?«
    Edgar nickte. »Wir kennen sogar den Namen des damaligen Anführers: Goran Markovic. Das stand alles in meinen Bericht an das BKA . Das Haager Tribunal hat ihn gleich darauf zur Fahndung ausgeschrieben.«
    »Und wie kommt es, dass der Typ noch nicht festgenommen ist?« Treidler bemerkte zu spät, wie sehr seine Frage nach einem Vorwurf klang.
    »Er steht nicht mehr auf der Fahndungsliste.«
    »Warum?«
    »Die offizielle Version lautet: kein hinreichender Tatverdacht.«
    »Und die inoffizielle?«
    Edgar zuckte mit den Schultern. »Schwer zu sagen.«
    »Dann müssen wir uns vom BKA Ihren damaligen Bericht beschaffen.« Melchior hatte sich wieder zurückgelehnt.
    »Das können Sie vergessen.« Edgar schüttelte den Kopf und begann erneut zu husten. Offenbar ließ die Wirkung des Cortisons im Inhalationsspray nach. Doch er beruhigte sich schnell wieder. »Meine Version existiert nicht mehr. Als ich Anfang letzten Jahres beim BKA aufgehört habe, stand im offiziellen Abschlussbericht nicht mehr Goran Markovic als

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