Letzter Mann im Turm - Roman
daran gab es keinen Zweifel. Vor ein oder zwei Jahren hätte er noch darauf bestanden, dass ihm die Sterne wohlgesinnt waren. Oder vielleicht waren es gar nicht diese Sterne, sondern der verblassende Stern im siebten Stock des Mirchandani Manor, der Mr Shah hier festhielt – der wahre Schatz des Anwesens in Versova. Shanmugham, der verheiratet war, grinste süffisant.
Versova. Definitiv ein Vorort zweitbester Güte. Hatte man inBollywood Erfolg, lebte man in Juhu oder in Bandra; bei Misserfolg zog man ganz fort; aber hatte man weder Erfolg noch Misserfolg, sondern schlug sich durch die verschwommenen Grauzonen des Lebens, landete man hier.
Mr Shah war ein Mensch und hatte seine körperlichen Bedürfnisse. Dafür hatte Shanmugham Verständnis.
Er wünschte nur, der Boss würde ihn über seine astrologischen Termine nicht im Dunkeln lassen – er hatte keine Ahnung, ob der Astrologe den Morgen oder den Abend als den Zeitpunkt bestimmt hatte, zu dem sie Vishram aufsuchen sollten. Von ihm wurde erwartet, dass er in der Nähe der Villa blieb, bis der geeignete Zeitpunkt kam.
Einer der Sonnenschirme war von einer Bank gesponsert worden; fett verkündete der rote Schriftzug
8,75 % ZINSESZINS CANARA GENOSSENSCHAFTSBANK
FESTGELD 365 TAGE JETZT BEANTRAGEN
KEINE VORSCHUSSZINSEN
Shanmugham trat näher, wurde von den Aufpassern des Models verscheucht, lächelte und eilte zu den Felsen zurück.
Auf seinem Weg nach oben im Leben hatte er für sich Bankgeschäfte entdeckt wie andere Kokain. Er abonnierte die
Economic Times,
schaute Bloomberg TV und spekulierte mit Aktien. Aber er war Familienvater und hatte das Gros seines Geldes als Sparbucheinlage sicher angelegt. 80.000 Rupien bei der Rajamani Genossenschaftsbank, 8,65 % Zinsen, 400 Tage Laufzeit. Er war stolz auf diesen Zinssatz; er hatte seinen Bankdirektor gezwungen, den üblichen Zinssatz um 0,15 % zu erhöhen.
Ein Hubschrauber streifte den Strand mit seinem geräuschvollen Schatten. Im heißen Sand kniend, rechnete Shanmugham nach (8,65 % im Vergleich zu 8,75 %, 400 Tage im Vergleich zu 365), während die Wellen ans Ufer schäumten wie der zusätzlicheZinseszins, den er aus seiner Kapitalanlage bei der Canara Genossenschaftsbank abschöpfen könnte.
Meer, das unter dem Fenster brandete; eine Eidechse an der Decke starrte einen mit glubschigen Neidaugen an, und im Nebenzimmer bürstete eine sechsundzwanzig Jahre jüngere Frau ihr frisch gewaschenes Haar und ließ einem den Duft von Erdbeeren und Aloe in die Nase steigen.
Dharmen Shah gähnte. Er sah keinen Anlass, sein Bett zu verlassen.
«Aufgewacht?», rief Rosie aus ihrem Zimmer. «Komm und sieh, was ich für dich gekauft habe, Onkel. Eine Überraschung.»
«Lass mich schlafen, Rosie.»
«Komm doch.»
Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn ins Wohnzimmer, dort lehnte ein gerahmtes Poster am Sofa, das die Errichtung des Eiffelturms in drei Phasen zeigte.
«Für dich, Mister Bauherr. Für dein Büro.»
«Sehr lieb von dir, Rosie», sagte Shah und legte die Hand aufs Herz. Er war aufrichtig gerührt, auch wenn das Geschenk mit seinem Geld bezahlt worden war.
«Eiffel», sagte er am Esstisch aus Pressholz, der draußen vor der Küche stand, «war der gleiche Mann, der auch die Freiheitsstatue gebaut hat. Wie würden wir in Indien wohl mit ihm umgehen? Fragen,
aus welcher Kaste bist du, aus welcher Familie kommst du, aus welchen Verhältnissen, tut uns leid, geh weg.»
Der fette Mann spreizte die Hände und krümmte die Zehen. Rosie warf einen Blick aus der Küche und sah ihn ausgiebig gähnen.
«Rosie», sagte er, «habe ich dir jemals erzählt, dass ich der Sohn der ersten Ehefrau meines Vaters bin?»
«Nein, Onkel. Du erzählst mir nie was von dir.»
«Eines Tages haben sie meine Mutter aus einem Brunnen gezogen. Das ist meine allererste Erinnerung.»
Sie trat aus der Küche und wischte sich die Hände ab.
«Ich war vier. Sie ist in den Brunnen unseres Hauses in Krishnapur gesprungen.»
«Warum hat sie das getan?»
Er zuckte die Schultern.
«Ein Jahr später bekam ich eine Stiefmutter. Sie brachte vier Söhne zur Welt. Die ganze Liebe meines Vaters galt ihnen. Für mich hatte er nicht einmal einen freundlichen Blick übrig. Am schlimmsten war, dass er mich dazu brachte,
mich
zu schämen, Rosie. Als wäre der Selbstmord meiner Mutter
meine
Schuld. Er funkelte mich wütend an, wenn jemand darauf zu sprechen kam.»
«Und dann?»
Dann kam der Tag, an dem er in das Lebensmittelgeschäft seines
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