Leviathan erwacht - Corey, J: Leviathan erwacht - Leviathan Wakes (The Expanse Series Book 1)
Betrachtung als äußerst teures Bordell entpuppte. Das Videomenü mit den dort angebotenen Diensten, das ihm der Portier anbot, lehnte er ab und ging wieder hinaus. Er fragte sich, ob Amos möglicherweise dort drinnen gelandet war.
Auf halbem Wege in einem Korridor, den er noch nicht kannte, begegnete ihm ein kleiner Schwarm junger Mädchen. Den Gesichtern nach waren sie kaum älter als vierzehn, doch sie waren bereits so groß wie er. Als er vorbeiging, verstummten sie, und sobald er hinter ihnen war, platzten sie lachend heraus und eilten davon. Tycho war eine richtiggehende Stadt, und auf einmal hatte er das starke Gefühl, ein Fremder zu sein, der nicht wusste, was er hier zu suchen hatte und wohin er gehen sollte.
Er wunderte sich nicht, dass er irgendwann vor dem Aufzug zu den Andockbuchten stand. Er drückte auf den richtigen Knopf, stieg ein und erinnerte sich rechtzeitig daran, die Magnetstiefel einzuschalten, damit es ihn nicht von den Füßen riss, wenn die Schwerkraft die Richtung änderte und dann ganz verschwand.
Obwohl er das Schiff erst vor drei Wochen in Besitz genommen hatte, fühlte er sich, als kehrte er nach Hause zurück. Über die Leiter im Kiel stieg er zum Cockpit hinauf, zog sich auf die Liege des Copiloten, schnallte sich an und schloss die Augen.
Im Schiff war es still. Der Reaktor war heruntergefahren, niemand war an Bord, nichts rührte sich. Der biegsame Andockschlauch, der die Rosinante mit der Station verband, übertrug so gut wie keine Schwingungen ins Schiff. Holden konnte die Augen schließen, in den Gurten schweben und alles ausblenden, was ihn umgab.
Es wäre ein friedlicher Moment gewesen, doch in den letzten Monaten sah er, sobald er die Augen schloss, immer Ade vor sich, die ihm zuzwinkerte und dann zu Staub zerfiel. Die Stimme im Hinterkopf gehörte McDowell, der bis zur letzten Sekunde versuchte, das Schiff zu retten. Holden fragte sich, ob er dies nun sein Leben lang hören musste, ob es ihn heimsuchen würde, wann immer er einen Augenblick der Ruhe genoss.
Ihm fielen die Veteranen aus seiner Zeit bei der Raummarine ein. Ergraute Berufssoldaten, die fest schlafen konnten, während ihre Schiffskameraden zwei Meter entfernt lautstark pokerten oder mit voll aufgedrehter Lautstärke Videos ansahen. Damals hatte er es als erlerntes Verhalten eingeschätzt. Der Körper passte sich an, damit er auch in einer Umgebung, in der immer etwas los war, genug Ruhe fand. Inzwischen fragte er sich, ob die Veteranen den Lärm womöglich sogar brauchten. Vielleicht vertrieb er die Erinnerung an die verlorenen Schiffskameraden. Nachdem sie zwanzig Jahre gedient hatten, kehrten sie nach Hause zurück und konnten nicht mehr schlafen. Er öffnete die Augen und betrachtete ein grünes Lämpchen auf der Pilotenkonsole.
Es war das einzige Licht im Raum, das jedoch nicht weit reichte. Jedenfalls fand er das langsame Blinken beruhigend. Der leise Herzschlag des schlafenden Schiffs.
Er sagte sich, dass Fred recht hatte. Ein Prozess war das, worauf man hoffen musste. Doch er wollte auch, dass Alex das Stealthschiff vor die Kanone bekam. Die unbekannte Besatzung sollte jenen schrecklichen Moment erleben, wenn alle Gegenmaßnahmen versagten und keine Macht der Welt die Torpedos daran hindern konnte, Sekunden später einzuschlagen.
Sie sollten genau wie Ade ein letztes Mal leise keuchen, ehe sie verglühten.
Die rachsüchtigen Gewaltfantasien vertrieben vorübergehend die Gespenster aus seinem Kopf. Als das nicht mehr funktionierte, schwebte er in die Quartiere hinunter, schnallte sich auf die Koje und versuchte zu schlafen. In der stillen Rosinante sangen ihm die Luftaufbereiter ein Schlaflied.
20 Miller
Miller saß in einem Straßencafé, über ihm spannte sich die Decke des Tunnels. In dem öffentlichen Park vor ihm wuchs hohes bleiches Gras, denn von oben strahlten weiße Tageslichtleuchten herab. Die Ceres-Station war heimatlos. Die Himmelsmechanik und die Trägheit hielten sie dort, wo sie schon immer gewesen war, doch die Rahmenbedingungen hatten sich verändert. Die Nahkampfwaffen waren noch da, die starken Drucktore des Raumhafens hatten sich nicht verändert. Die Station hatte lediglich den vorgelagerten politischen Schutzschild verloren, mehr nicht.
Miller beugte sich vor und trank Kaffee.
Auf der Wiese spielten Kinder. Jedenfalls betrachtete er sie jetzt als Kinder, obwohl er sich selbst in jenem Alter für erwachsen gehalten hatte. Fünfzehn, sechzehn Jahre mochten sie alt sein.
Weitere Kostenlose Bücher