Liebesbrand
hinaus.
Wie lange hältst du dich noch in Prag auf? sagte ich.
Statt einer Antwort sprach sie von einem Frontsaxophonisten einer Jazzgruppe, die in dem Musikkeller
|279| Agharta in der Zelezna-Straße sechzehn gespielt hatte, das war gestern gewesen, und spätestens bei dem Stück ›Déja vu‹ habe
sie, die sie gleich am Bühnenrand saß, nicht anders gekonnt als zu jubeln wie ein noch nicht erwachsenes Mädchen, und der
Saxophonist hätte ihre Freude mißdeutet und vorgeschlagen, sie mit seiner abwesenden Freundin später bekannt zu machen, aber
sie hätte Müdigkeit vorgetäuscht und wäre am Ende des Konzerts geradezu geflüchtet. Diese Ahnungen, diese Angst, sich zu verpflichten,
sagte sie, und spätestens jetzt verstand ich, daß sie und ich keine wirkliche ungetrübte Freude darüber empfanden, wenn Menschen,
mit denen wir uns vertraut machten, uns baten, etwas näherzurücken, sie war eine Idiotin und ich war ein Idiot, und was hätte
es gebracht, ihr ein anderes Leben zu versprechen. Mein Handy klingelte erneut, ich bat Tyra mit einer knappen Geste um Entschuldigung.
Ich bin es wieder, sagte Gabriel, meine Frage lautet: Wie lange willst du in Prag bleiben?
Das ist ja seltsam, sagte ich, ich habe gerade eben einer Frau diese Frage gestellt.
Schön. Also?
Ich bin bald weg, sagte ich.
Es lohnt sich nicht für mich, dich zu besuchen?
Nein, sagte ich.
Sie haben in deiner Wohnung vandaliert, fast alles kurz und klein geschlagen.
Es waren mehrere Einbrecher, stellte ich fest.
Mindestens zwei. Ich habe schon mit unserem gemeinsamen Freund gesprochen. Er wird alles wieder in Ordnung bringen, und er
macht dir einen Freundschaftspreis.
Danke.
Ist es diese Tyra, die dir gegenübersitzt?
Das ist richtig, sagte ich.
|280| Gib sie mir mal.
Was?
Ich will mit ihr sprechen, sagte Gabriel, los!
Es war bestimmt ein Fehler, und ich würde es bereuen, aber ich reichte Tyra das Mobiltelefon mit den Worten, mein bester Freund
aus Deutschland, der von ihr wußte, wollte mit ihr sprechen, und zu meiner Überraschung griff sie nach dem Handy, sagte: Ja,
bitte? und dann lauschte sie ernst und ohne ein einziges Mal zu lächeln, sie verabschiedete sich, beendete das Gespräch und
gab mir das Handy zurück.
Was wollte er?
Heißt er wirklich Gabriel? sagte sie.
Wie der Erzengel, sagte ich.
Er hat mir einen Zeitungsartikel vorgelesen.
Und? sagte ich wie ein kleiner dummer eifersüchtiger Junge, hat er dir nahegelegt, dich gut zu verhalten?
Nein, sagte sie, in der Zeitung steht, daß die Igel auf Wanderschaft gehen und die Menschen aufgefordert sind, draußen flache
Schalen mit Wasser aufzustellen.
Was sollte das jetzt? Wollte er als mein vermuteter bester Freund auf sie einwirken? Gabriel war die meiste Zeit des Tages
unbekümmert, und auf meine Besserungsvorschläge reagierte er mit Volksweisheiten, gute Ware lobt sich selbst, oder: Ein kluges
Pferd bockt und scheut den Sprung über die Hürde, ich sprach das alles laut aus, ich erzählte Tyra von dem Erzengel, den Tiergeschichten
rührten und der Untätigkeit als Tugend ansah, er mußte Geld erwirtschaften, um die laufenden Kosten zu decken, er trieb hier
und dort und mit diesen und jenen Leuten Geschäfte, er war ein Zulieferer von kleinen feinen Sachen, und nicht immer lohnte
sich der Aufwand, die Fehlkalkulation war eine feste Größe in seinem Leben.
Das ist also dein bester Freund Gabriel, sagte Tyra, |281| ich glaube, ich möchte ihn nicht näher kennenlernen … Es tut mir leid.
Ja, sagte ich.
Und ich bezahlte. Und wir traten aus der Passage hinaus, und weil in diesem Moment eine weiße Limousine vorbeifuhr, sprach
ich von dem Schlagersänger, der eben einen solchen Wagen kaufte und ihn nachts vor der Haustür parkte, aber die jungen Frauen,
die ihn wegen der schönen Lieder liebten, trugen Lippenstift auf und schlichen sich hin und küßten die Limousine und hinterließen
Lippenabdrücke, leuchtend rote Küsse auf kaltem weißen Metall. Der Schlagersänger hatte es aber irgendwann satt und wechselte
die weiße Limousine gegen eine schwarze aus. Und ich blickte sie von der Seite an.
Wie schön sie war und wie gerne ich für sie Dummheiten beginge, durfte ich ihr nicht verraten, und daß sie nur die Enden ihrer
Augenbrauen zupfte, damit sie sich im Bogen wölbten, und daß sie roch wie ein Aberglaube, dessen Anhänger Pfeffer und Salz
und Ingwer verbrannten, ich durfte es ihr nicht erzählen, daß ich es
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