Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
lag in uns, zu vollkommen, als daß die Welt draußen ihr Schaden zufügen konnte, monatelang fehlte es mir an nichts, ich schmiegte mich an die beiden, als wären sie mein Vater und meine Mutter, die wieder zusammenleben wollten, weil ich ein braves Mädchen gewesen war.
Jahrelang habe ich nicht mehr gewagt, an diese Monate zu denken, jetzt ersticken sie mich mit ihrer konzentrierten Süße, Brechreiz steigt in meiner Kehle auf, wie konnte es passieren, daß seine Hände, die sie Abend für Abend in der Badewanne festhielten und ihren kleinen Körper einseiften, sie vom Balkon fallen ließen? Und dann, als sie wie durch ein Wunder genas, wollte ich nicht mehr, daß er sie anfaßte, ich wagte nicht, sie allein zu lassen, ein Abgrund der Finsternis trennte ihn von mir, sie war auf meiner Seite, ich preßte sie an mich, ihr kleiner weißer Körper gehörte mir. Erstaunlicherweise gab er gleich auf, er versuchte gar nicht, um sie zu kämpfen, ohne sich mit mir zu beraten, brach er sein Studium mitten in den Vorbereitungen zur Promotion ab und begann einen Kurs als Reiseleiter, verließ das Haus für lange Ausflüge und kam gleichmütig und fremd zurück, ohne mich auch nur zu umarmen. Als ich nun heimlich zu ihr hinschaue, sehe ich, daß ihre riesigen Augen starr auf das leere Bett geheftet sind, als sähe sie dort schreckliche Dinge, und ich frage mich, was sie von alldem weiß. Woran erinnert sie sich aus ihren ersten beiden Jahren, wir haben ihr nie von diesem Unfall erzählt, weiß sie, daß sie damals das Wichtigste verloren hat, sie kämpft die ganze Zeit um sein Herz wie eine Frau, die von ihrem Mann verlassen worden ist, weiß sie, daß ihr früher einmal seine ganze Liebe gehört hat?
Hör auf, dich dauernd selbst zu beschuldigen, sagt Annat, sie hat die Nase voll davon, sich immer und immer wieder meine Klagen anzuhören, hätte ich mich nicht in jenen Mann verliebt, wäre das nicht passiert, ich habe unser aller Leben mit dieser überflüssigen Geschichte kaputtgemacht, was für eine Unverschämtheit, was für ein Hochmut, sich zu verlieben, dann schimpft sie mit mir, was hast du schon getan, warum glaubst du, du hättest eine so harte Strafe verdient, und ich weiß, daß sie sich irrt, denn Udi war vollkommen erschüttert, und alles ging kaputt, deswegen hat Noga ihn verloren, deswegen haben wir keine weiteren Kinder. Du bist für seine Reaktion nicht verantwortlich, sagt Annat gereizt, was ist schon dabei, daß du dich ein bißchen verliebt hast, das darfst du doch, man lebt schließlich nur einmal, ihr habt noch nicht mal zusammen geschlafen. Aber ich wollte mit ihm schlafen, du hast keine Ahnung, wie sehr ich das wollte. An jenem Morgen, als ich das immer und immer wieder erzählt habe, seufzte sie schließlich und sagte, Wollen gilt nicht, nur für Wollen bezahlt man keinen solchen Preis.
Leicht, als wäre ich neu geboren, eile ich zu ihm, ich habe Noga bei meiner Mutter gelassen und laufe die lange Straße entlang, und direkt vor der Biegung wartet das düstere, ein wenig gebeugte Haus auf mich, ganz oben die Dachwohnung voller Farben und Leinwände und einem scharfen Terpentingeruch. Er macht mir die Tür auf, einen dünnen Pinsel in der Hand, die Augen zusammengekniffen wie ein Kurzsichtiger, der versucht, ein entferntes Verkehrsschild zu erkennen, und obwohl er nichts sagt, weiß ich, daß er sich freut, mich zu sehen, er deutet mit dem Pinsel zum Sessel hinüber, der auf mich wartet, und geht schnell in die Küche, der Kaffee in dem kleinen Finjan steigt auf und läuft über, als spielte ein Wind mit ihm, und die Wohnung füllt sich mit Kaffeeduft, schon habe ich die warme Tasse in der Hand, die meine Finger auftaut. Er stellt die Leinwand auf die Staffelei und beginnt, sich rhythmisch zu bewegen, tritt zurück, tritt vor, betrachtet mich mit offenen Augen, und dann kommt er zu mir, berührt meine Haare, hast du ein Gummiband, fragt er, und ich wühle in meiner Tasche und finde eine Spange, aber er ist nicht zufrieden, zieht aus einer der Schubladen ein breites rotes Band und wickelt es um meine Haare, jetzt sieht man deinen Hals, sagt er, warum versteckst du ihn, du hast den Hals eines Schwans, und ich richte mich unter seinem Blick auf, nie habe ich mich so schön gefühlt, und vielleicht geht es gar nicht um Schönheit, ich fühle mich vollkommen neu. Sein Pinsel löst Schichten von Enttäuschung, Qual und Angst von mir, erschafft mich neu, so wie ich immer sein wollte, ein ruhiger, edler
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