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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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Nacken, grau unter der glatten Linie seiner Frisur, mir scheint, als flüstere er mir etwas in den Schoß, aber ich kann es nicht hören, ich lege meinen Finger auf seine Lippen, was hast du gesagt? Aber er steht schweigend auf und stellt sich an das große Fenster, zieht mich mit sich, daß ich neben ihm stehe, ich lehne meinen weichen Körper an ihn, durch das Fenster schauen wir hinunter auf die Dächer und die schmale, gewundene Straße, Menschen eilen sie entlang, in Mäntel gehüllt. Ein plötzlicher Regenguß beginnt, klatscht auf den Asphalt, ein junger Mann bleibt stehen, schaut erstaunt hinauf zu der Wolke, die sich direkt über seinem Kopf geöffnet hat. Er trägt noch nicht einmal einen Mantel, nur einen Pullover mit bunten Streifen, wie Udi einen hat, er schaut hinauf zur Quelle des Regens, und sein erstaunter Blick gleitet über meine strahlende Nacktheit, wie eine Chanukkia flackere ich in der Spitze des Hauses, ich erstarre unter dem Blick, als hätte mich der Blitz getroffen, eine armselige Figur auf dem Schießstand des Zufalls, dessen Hand das Ziel nie verfehlt. Es ist Udi, der nach Hause läuft, um ein wenig mit Noga zu spielen, es ist Udi mit einer Tüte Orangen in der Hand, Vitamin C für ihren roten Hals, und ich stürze mich blind auf die Kleider, die ihre Identität verloren haben, versuche, ein zitterndes Bein in den Ärmel des Pullovers zu schieben, er setzt mich in den Sessel, sein Gesicht wird weit vor Kummer, er zieht mich an wie ein kleines Kind, er kniet sich hin und schnürt mir die Schuhe zu, und dann hilft er mir aufzustehen und bringt mich die Treppe hinunter, bis mir draußen die kalte Luft entgegenschlägt und auf meinem nackten Gesicht brennt, wie flüchtig ist doch der Unterschied zwischen Kälte und Hitze, und der Regen klatscht mir auf den Kopf, während ich nach Hause renne, den Mund voller Erklärungen, Bitten und Schwüre, während ich hinfalle und aufstehe, aber er wird nicht dort sein.
    Da ist Papa, ruft Noga, springt auf und läuft ihm entgegen, ich hebe den Kopf und sehe ihn in der Tür, wie er mit einem Rollstuhl zu uns gebracht wird, er hat den Kopf schräg gelegt, sein Gesicht ist grau, als habe ihn in der eben vergangenen Stunde plötzlich das Alter überfallen. Ich stehe schnell auf, beuge mich zu ihm wie zu einem Kind im Kinderwagen, wie war’s, Udigi, und er murmelt, erst morgen früh gibt es die Ergebnisse, er ist zusammengesunken, als wäre er gedemütigt worden, ich frage mitleidig, tut es dir weh, und er sagt, nein, es ist einfach nicht angenehm, und Noga verkündet stolz, Papa, ich esse so lange nichts, bis du wieder gesund bist, und er lächelt mit verzerrten Lippen, nimmt ihr Opfer gleichgültig an.
    Udi, sag ihr, daß sie essen soll, flehe ich, sag ihr, nur wenn sie ißt, kannst du wieder gesund werden, aber er betrachtet uns, als sei ihm unsere Logik fremd, als verstünde er unsere Sprache nicht. Ein Anfall von Einsamkeit läßt mich zurückweichen, er ist nicht bei uns, er ist schon in einer anderen Welt, und ich sehe, wie er ins Bett gelegt wird, wie er zugedeckt wird, ich höre ihn sagen, Na’ama, geh nach Hause, ich möchte schlafen, und Noga widerspricht, aber Papa, wer wird dann bei dir sein, ich möchte hierbleiben, und er seufzt, ich will nur schlafen, ich brauche niemanden, wenn ich schlafe, wenn ich jemanden brauche, rufe ich an, und ich, die ich mich so danach gesehnt habe, wegzugehen, bin jetzt nicht bereit, das schlimme Urteil anzunehmen, sogar von seinem Krankenbett jagt er uns davon, bald werden wir allein sein. Udigi, versuche ich, vielleicht bleibt Noga nachher bei meiner Mutter, und ich komme zu dir zurück, und er sagt, das ist nicht nötig, es fällt mir leichter, wenn ich jetzt allein bin, es geht nicht gegen dich. Ich seufze, aber auch nicht für mich. Noga küßt ihn zärtlich auf die Wange, Papa Udi, flüstert sie, wie früher, als sie klein war, ich möchte, daß du morgen früh aus deinem Bett aufstehst und wieder so läufst wie früher, in Ordnung? Und ich beuge mich zu ihm und küsse ihn auf seine schmalen Lippen, ich liebe dich, Udigi, du wirst schon sehen, wie gut es uns geht, wenn du erst wieder gesund bist, er nickt ungeduldig, und seine trockenen Haare knistern elektrisiert unter meiner Hand.
    In der Tür lege ich meinen Arm auf ihre Schulter, und wir schauen noch einmal traurig zu ihm zurück, er scheint schon eingeschlafen zu sein, wir gehen den Flur entlang, neben dem Schwesternzimmer winkt uns Jirmejahu begeistert

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