Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
meinen Namen auf dem Programm zu sehen, nicht seinen, mich und nicht ihn, ihre Blicke suchten ihn neben mir, ihr Erstaunen war wie das Echo meines eigenen Erstaunens, wie hatten sich die Dinge umgekehrt, denn als wir uns kennen lernten, war er auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn und ich am Anfang von meiner, dort haben unser beider Leben angefangen zu schwanken, in Thera, und ich erzähle nichts von unserer Trennung, die höfliche Zurückhaltung ist mir angenehm, sie passt zum Wetter, bei dem es keiner eilig hat, die lockere Bekanntschaft zu vertiefen, und erst am letzten Tag, nach dem Vortrag, als mein Koffer schon gepackt ist, wird die Bekanntschaft zu Nähe, das vorsichtige Herantasten zu einem schweren Abschied, und wir unternehmen eine Schiffsfahrt, entfernen uns von der bunten Stadt, die mit dem Rücken zum plötzlich grau gewordenen Meer liegt, und laufen auf dem Rückweg durch die prachtvollen breiten Alleen, bahnen uns einen Weg zwischen Musikanten, Bettlern und Blumenhändlern, die billige Romantik anbieten, und wieder ist da der Kummer über meine eigene Stadt, deren Steine das Geheimnis der Weichheit noch nicht erfahren haben, die nie solch eine fröhliche Zerstreuung kennen werden.
Auch auf dem Rückflug verpasse ich Thera, ihr schmales, zerbrochenes Lächeln, das so schnell erwacht, von überall ist Schnarchen zu hören, viele Menschen liegen fast auf ihren Sitzen, einer an den anderen gelehnt, als hätten sie nie etwas ersehnt, an diesem Nachmittag über dem goldglitzernden Meer. Ein dunkelhaariges junges Mädchen döst neben mir, sie hat mir ihr konzentriertes Gesicht zugewandt, aber ihre Augen sind geschlossen, der Kopf eines Mannes mit kurz geschnittenen Haaren ruht auf ihren Knien, sie liegen da, als hätten sie gemeinsam aus einem Giftbecher getrunken, tote Liebende, und ich frage mich, ob sie wieder zum Leben erwachen, wenn ich ihnen eine Münze reiche. Auch wir sind so von unseren Reisen zurückgekommen, haben den Körper des anderen als Kissen benutzt, als Matratze, als Lehne, diesen Körper, der zwar nicht mehr verführerisch und überraschend war, aber zumindest bequem, und trotzdem hat uns in den letzten Jahren bei der Rückkehr Enttäuschung begleitet, ein Groll darüber, dass wir es nicht geschafft hatten, die Mauer einzureißen, deshalb hatten wir uns von dem Jungen getrennt, deshalb hatten wir Geld und Zeit investiert, nur um in Istanbul zu streiten, in Berlin, in Rom?
So schnell, wie er verschwunden ist, taucht er auf, der schmale Streifen Strand, strahlend im Sommerlicht, es ist, als wäre ich vor drei Monaten weggefahren und nicht vor drei Tagen, als hätte inzwischen die Jahreszeit gewechselt, schon hat die Sonne die Felder verbrannt und ihre grünen Kleider zerrissen, und als ich seltsam aufgeregt die Landschaft betrachte, die immer konturierter wird, habe ich einen Moment lang das Gefühl, als gäbe es eine Wahl, als könnte man noch auf eine andere Art den Fuß auf die Erde setzen, denn eine Rückkehr wird immer begleitet von einer Illusion der Veränderung, Aufträge sind so gut wie möglich ausgeführt worden, neue Freunde sind gewonnen, und der Himmel kommt mir nicht mehr so bedrohlich vor, vielleicht wird auch von der Erde unter uns weniger Gefahr ausgehen.
Etwas Ähnliches habe ich auch damals gespürt, vor einigen Monaten, als ich von einer Reise zurückkam und mir die Botschaft von der Trennung schon auf der Zunge lag, jetzt komme ich ohne Botschaft zurück, nur eine lebhafte Neugier blitzt auf, was erwartet mich eigentlich, welche Art Leben? Schlaftrunken verlassen wir das Flugzeug, ein bisschen schwankend, spüren noch das Zittern der Motoren unter unseren Füßen, und zu meiner Überraschung ist es mir sogar angenehm, dass in der Ankunftshalle niemand auf mich wartet, immer haben sie hier gestanden, erschöpft von der Anstrengung, rechtzeitig anzukommen, Gili auf den Schultern seines Vaters, erschreckend durch seine Größe, winkte mir von weitem zu, wie ein Polyp, die Wiedersehensfreude verschwand, und gleich machte sich Anspannung breit, während die beiden noch versuchten, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ich war müde von der Reise, versuchte, Gili für meine Abwesenheit zu entschädigen und Amnon dafür, dass schon wieder ich zum Kongress eingeladen worden war und nicht er, versuchte, die Sache herunterzuspielen und zu verbergen, wie glücklich ich war, den Jungen zu sehen, und wie distanziert ich mich ihm gegenüber fühlte.
Nein, dass mich niemand
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