Metropolis brennt
Schatten im gläsern wirkenden Eis, Schatten und die üblichen Farbtupfer. Vielleicht sah nur er sie, aber sie waren vorhanden: zart, vage, in steter Veränderung begriffen.
Mirja rannte plötzlich los, schüttelte die Beklommenheit mit einem verzweifelten Lachen ab, als wolle sie damit die Stille, die plötzlich zwischen ihnen gehangen hatte, zerstören, ein für allemal zerfetzen.
Er drückte die Sensortaste auf dem linken Ärmel des Doppelpneum-Anzugs, der Prograv reagierte augenblicklich, er kam hoch, wurde schnell … schnell … behielt ihr Lachen in der Erinnerung, wollte es lange in der Erinnerung behalten … als fröhliches Lachen.
Alles könnte so schön sein, wenn …
Wenn dieser Wald ein normaler Wald, diese Gesellschaft eine normale Gesellschaft und Mirja und er normale Menschen wären.
Sie rannte schnell. Hastig stapfte sie durch Eis und Schnee, brach knirschend knöcheltief ein, kam wieder frei, wühlte, pflügte sich durch Schneeverwehungen, riß beide Hände hoch, berührte Zweige, Äste, brachte das Chaos in die schweigende, frosterstarrte Waldwelt und lachte jetzt übermütig, übermütig, so wunderbar übermütig.
Es gab keinen Grund, nicht übermütig zu sein. Die Schachzüge waren getan, die Falle war aufgestellt, der Köder bewegte sich … Blieb einzig und allein die Unberechenbarkeit eines militärisch-perfekten Systems …
Schnee sprühte pulvrig, regnete in weißen Kaskaden zu Boden, schlug in Vharns Gesicht, ließ ihn prusten und ebenfalls lachen.
Eine Provokation …
Er folgte Mirja, wich den Stämmen aus, die blitzschnell vor ihm aus dem Schnee-Nebel, aus nebligen Turbulenzen auftauchten, sich ihm in den Weg stellten, umrundete sie, folgte ihr, so schnell er konnte. Hier standen die Bäume dichter, das Zwielicht wirkte anders – unheimlicher, bedrohlicher. Viele Bäume waren tot, schwarzbraune Skelette, die sich knorrig, bizarr in das Weiß erhoben. Die Einsamkeit wurde größer, je weiter sich Mirja von ihm entfernte, je düsterer es auf dem Waldboden wurde. Stille und Tod umgaben ihn.
Einen Abhang hinunter.
Schnee flog und wirbelte. Eiskristalle blitzten spöttisch und auch verwirrend. Schnell kamen ihre Schritte. Schnell. Sehr schnell.
Er sah sie weit voraus, hangabwärts. Eine freie, gewellte Schneefläche, die Bäume machten Platz, ihre Schneezweige ragten jedoch weiter oben aus dem Stamm und weit in die Hang-Lichtung hinaus. Viele Bäume waren umgestürzt, zerschmettert, bildeten einen unentwirrbaren Wirrwarr auf dem Boden.
Inmitten des Wald-Himmels wurde der richtige Himmel sichtbar, ein zerrissen wirkender Fetzen aus schmierigem Dunkelblau, grauen Wolken, deren Ränder sanft rotgesäumt waren. Die Sonne stand als verwaschener Phantomfleck an diesem Himmel, ihre Strahlen konnten den Smogmantel schon lange nicht mehr durchdringen, und der Energiedom, der den Wald umhüllte, filterte die ohnehin schon schwachen Strahlen noch einmal zusätzlich.
Mirja rief: „Vharn! Schnell, komm – schau, was ich mache!“
Er raste zu ihr, der Prograv summte hell, er lachte, die kalte Luft rötete sein Gesicht, stach tief in seine Lungen hinein, die Kälte, die seinen Körper erstarren ließ, packte energischer zu, spürte, daß sie stärker war als er, soviel stärker.
Mirja stieß sich ab, ihr knabenhafter, geschmeidiger Körper spannte sich an, ein Gefühl unendlicher Freiheit blitzte grell auf; Mirja flog durch die Luft – die Zeit blieb stehen. Dieses Bild brannte sich in seinen Geist ein, setzte sich mit schmerzhafter Intensität fest.
Schnee stäubte, flog, wallte nebelgleich, als Mirja fiel, sich überschlug, sich immer wieder überschlug – und den sanft geneigten Wald-Abhang
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