Montags sind die Eichhörnchen traurig: Roman (German Edition)
einer Frau, gefolgt von der Stimme eines Mannes, Edwige, Edwige, murmelte er, dann hörte sie nichts mehr … Sie stellte sich einen Kuss vor, der in die Nacht aufstieg. Sah darin ein Zeichen und rannte hinein, um das Telefon zu holen und den Mann auf dem englischen Balkon anzurufen.
Mit zugeschnürter Kehle wählte sie die Nummer.
Wartete, während es mehrmals klingelte. Biss die Zähne zusammen und betete, dass er rangehen möge. Rieb sich die Schläfen. Er war ausgegangen. Fast hätte sie aufgelegt. Was soll ich ihm sagen? Frohes neues Jahr, ich denke an dich, du fehlst mir. Banale Worte, die weder etwas über mein panisches Herz noch über meine feuchten Hände verraten. Und was, wenn er mit Freunden zusammensaß und Champagner trank oder, schlimmer noch, mit einer lasziven Schönen, die ihm den Kopf zuwendet, die Stirn runzelt und leise fragt, wer ist das? … Dann bleibt mir nur noch die bleiche Mondsichel, um mich zu wärmen. Mit der Fingerspitze fuhr sie über die kalten Bodenplatten des Balkons, rieb ein wenig darüber, um sie aufzuwärmen, um sich Mut zu machen. Zeichnete eine Art Apfel mit Feenhaar, einer großen Nase, einem breiten, dümmlichen Lächeln. Er hat also keinen Anrufbeantworter, oder er hat ihn nicht eingeschaltet. Ich weiß noch, als er sich im Halbdunkel des Theaters über mich beugte, erschien mir sein Mund groß, so groß, und er nahm mein Gesicht in beide Hände, als wollte er es studieren … Ich weiß noch, wie weich sich der Stoff seines Jacketts anfühlte … Ich erinnere mich an seine warmen Hände, die meinen Hals umfingen, mich erschauern ließen, ich vergaß alles um mich herum …
Das sind keine belanglosen Gesten. Er denkt ganz sicher daran, wenn sich die erste Nacht des Jahres auf den kleinen Park vor seiner Wohnung herabsenkt. Er fragt sich, wo ich bin und warum ich nicht anrufe.
Geh ran, Philippe, geh ran. Sonst lege ich auf, und ich werde nicht noch einmal den Mut aufbringen, dich anzurufen. Nicht mehr den Mut haben, an dich zu denken, ohne den Kopf hängen zu lassen und über vergangene Freuden zu seufzen. Ich werde die folgsame Miene einer Frau aufsetzen, die sich damit abfindet, dass ihr das Glück durch die Finger gleitet. Ich kenne diese Rolle, ich habe sie oft gespielt, ich würde sie gern ändern in dieser ersten Nacht des Jahres. Wenn ich in dieser gesegneten Nacht nicht den Mut dazu aufbringe, dann werde ich ihn niemals aufbringen.
Niemals! Und allein schon beim Gedanken an dieses entsetzliche Wort, das jegliche Hoffnung zerstört, würde sie am liebsten auflegen, um noch ein wenig länger zu hoffen.
Aber auf der anderen Seite des Ärmelkanals unterbricht eine Hand das Lied des Telefons. Joséphine beugt sich über das Telefon, und schickt sich an, leise etwas zu sagen, als die Stimme ihr zuvorkommt.
» Yes? «
Es ist eine Frauenstimme.
Joséphine bleibt stumm.
Die Frau spricht weiter Englisch in die Nacht. Sie fragt, wer ist da? Sie sagt, ich verstehe nichts, hier ist zu viel Lärm! Sie ruft und schreit, fragt, wer ist da? Wer ist denn da? Antworten Sie doch …
Niemand, möchte Joséphine am liebsten erwidern. Hier ist niemand.
»Hallo, hallo …«, sagt die Frau mit ihrem englischen Akzent, der die Silben auffliegen lässt, sie weich macht, das »a« aus Hallo in ein »ä« verwandelt und das »o« in die Länge zieht.
»Dottie! Ich habe deine Uhr gefunden! Sie lag in eurem Zimmer auf Papas Nachttisch! Dottie! Komm mit uns auf den Balkon! Im Park gibt es ein Feuerwerk!«
Alexandres Stimme.
Jedes Wort ein Dolchstoß. Euer Zimmer, Papas Nachttisch, komm mit uns.
Dottie wohnt bei ihm. Dottie schläft mit ihm. Dottie verbringt Silvester mit ihm. Er küsst Dottie, um die erste Nacht des neuen Jahres zu feiern. Seine warmen Hände umfangen Dotties Hals, seine Lippen wandern an Dotties Hals hinab …
Der Schmerz erfasst sie wie eine Welle, die sie mit sich reißt, sie zurückwirft, sie freigibt und sie erneut packt. Ein paar Worte, die sie wie mit einem Messer zerfleischen … Ganz alltägliche Worte, Worte, die von einem Leben erzählen. Einem gemeinsamen Leben. Zimmer, Nachttisch, Balkon. Vollkommen belanglose Worte. Sie umklammert ihren Oberkörper und wiegt ihren Schmerz wie eine Sprengladung, die sie pulverisieren wird.
Schau zu den Sternen auf und frag, warum.
Warum?
»Bist du zufrieden? Hast du deine Uhr wiedergefunden?«, fragt Philippe, als er sich zu Dottie umdreht, die zu ihm hinaus auf den Balkon tritt.
»Es ist eine schöne Uhr. Du hast
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