Montgomery & Stapleton 04 - Der Experte
gehörte es nicht zu den Aufgaben eines Sektionsgehilfen, einen Gerichtsmediziner herbeizuzitieren. Doch er befolgte Jacks Bitte. Als er Dr. Sanders am Apparat hatte, wiederholte er wörtlich, was Jack ihm aufgetragen hatte.
»Wunderbar«, lobte Jack. »Als nächstes bin ich Ihnen dankbar, wenn Sie eine Leiche holen und sie irgendwo hinbringen, wo ich sie untersuchen kann.«
»Soll ich sie auf einen Tisch im Sektionssaal legen?«
»Das ist nicht nötig«, bremste Jack den Mann. »Ich will mich nicht extra umziehen. Ich möchte nur einen Blick auf die Tote werfen und ihr ein paar Körperflüssigkeiten entnehmen. Wenn Sie nur irgendwo ein helles Plätzchen finden, wäre das vollkommen in Ordnung.«
Doug Smithers erhob sich. »Welche Eingangsnummer?«
»Tut mir leid«, erwiderte Jack. »Die kenne ich nicht. Der Name lautet Connie Davydov. Sie muß heute morgen gebracht worden sein, ziemlich früh wahrscheinlich.«
»Diese Leiche ist nicht mehr hier«, meldete Doug.
»Sie machen wohl Witze.«
»Nein. Eben ist sie abgeholt worden. Vielleicht vor einer halben Stunde.«
»So ein Mist!« fluchte Jack. Er schüttelte den Kopf und knallte seine Tasche auf den Schreibtisch. Sein Gesicht lief vor Wut rot an.
»Tut mir leid«, bedauerte Doug und duckte sich, als befürchte er, einen Kinnhaken verpaßt zu kriegen.
»Ist doch nicht Ihre Schuld!« fuhr Jack ihn an und knackte vor Frust mit den Fingerknöcheln. »Wohin wurde die Leiche gebracht?«
Doug beugte sich ängstlich über die dicke Kladde, die auf dem Schreibtisch lag, und fuhr mit dem Zeigefinger die Namensspalte abwärts. »Zum Bestattungsinstitut Strickland.«
»Und wo, zum Teufel, ist das?«
»Ich glaube, auf der Caton Avenue, nicht weit vom Greenwood Cemetery.«
»Um Himmels willen!« stöhnte Jack. Um besser nachdenken zu können, was er jetzt tun sollte, begann er, in dem kleinen Büro auf und ab zu wandern.
»Dr. Stapleton, nehme ich an«, ertönte plötzlich eine deutlich herablassend klingende Stimme. »Könnte es sein, daß Sie sich ein bißchen zu weit vorwagen?«
Jack sah zur Tür. Im Rahmen stand Dr. Sanders. Er war etwas älter als er, hatte ein schmales Gesicht und trug sein überwiegend ergrautes Haar nach hinten gekämmt. Mit seiner dunkel getönten, dick eingefaßten Brille hatte er etwas Eulenhaftes an sich. In der Hierarchie des Gerichtsmedizinischen Instituts stand Dr. Sanders weit über ihm; er hatte fast zwanzig Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel.
»Ich dachte, ich komme am besten schnell mal rüber, um Ihnen zu helfen«, schoß Jack zurück. »Das scheint mir dringend erforderlich zu sein.«
»Tun Sie sich keinen Zwang an«, entgegnete Dr. Sanders verächtlich.
»Warum haben Sie die Davydov-Leiche abholen lassen?« erkundigte sich Jack. »Sie wußten doch, daß ich komme.«
»Ich habe eine mysteriöse Nachricht erhalten, daß Sie uns einen Besuch abstatten wollen. Von der Bitte, die Leiche hier zu behalten, war keine Rede.«
»Eigentlich sollte ich mich nicht wundern. Darauf zu kommen, bedarf es schließlich eines Intelligenzquotienten von fünfzig oder mehr.«
»Ich muß mir Ihre juvenilen Beleidigungen nicht länger anhören«, stellte Dr. Sanders klar. »Eine angenehme Rückfahrt nach Manhattan wünsche ich!« Mit diesen Worten machte er kehrt und verschwand außer Sichtweite.
Jack trat hinaus auf den Flur und rief dem davonschreitenden Dr. Sanders hinterher: »Eins sollten Sie noch wissen! Connie Davydov hatte weder Asthma noch irgendwelche Allergien. Sie war eine vollkommen gesunde Frau, deren Atmung wie aus heiterem Himmel versagte – und zwar ohne daß sie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten hat. Wenn das nicht ein Fall ist, der dringend hätte obduziert werden müssen – was dann?«
Dr. Sanders blieb vor dem Fahrstuhl stehen und drehte sich um.
»Woher wissen Sie, daß sie kein Asthma und keine Allergien gehabt haben soll?« erhob er seine Stimme.
»Von ihrem Bruder«, erwiderte Jack.
»Dann sage ich Ihnen jetzt mal etwas«, schnarrte Dr. Sanders verächtlich. »Meine Informationsquelle im Hinblick auf die Krankengeschichte der Toten ist die erfahrenste gerichtsmedizinische Ermittlerin dieses Instituts. Sie können von mir aus glauben, wem Sie wollen. Ich jedenfalls verlasse mich auf unsere Expertin.«
Mit diesen Worten drehte er sich wieder um und drückte in aller Seelenruhe auf den Fahrstuhlknopf. Während er wartete, grinste er herablassend zu Jack hinüber.
Jack wollte gerade wütend
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