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Mord im Garten des Sokrates

Mord im Garten des Sokrates

Titel: Mord im Garten des Sokrates Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sascha Berst
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einberufen, um heimlich die Männer zu entwaffnen, aber seine Soldaten haben uns den Plan vorher verraten. Wir haben ihnen zwei Wagenladungen alter Schwerter und Speere überlassen, die sie Charmides als Beute präsentieren konnten. Es hieß, er sei sehr beeindruckt gewesen.»
«Charmides?», wiederholte ich. «Du meinst …?»
«Kritias’ Vetter, gewiss», sagte Chilon. «Ich wusste, du bist ihm schon einmal begegnet.»
«Das kann man sagen», bestätigte ich, und unwillkürlich hatte ich das Bild dieses Mannes vor mir: klein, dick, besudelt von den Spuren des Gelages, das er am Tag nach dem Tod Perianders gefeiert hatte. Und neben ihm Platons Bruder, eine Bohnenstange mit dickem Hals, der uns betrunken den nackten Hintern entgegenstreckte.
«Charmides war ein Freund Perianders!», sagte ich laut und nahm einen viel zu tiefen Schluck des mit Honig versetzten Weines, den Chilon uns hatte auftragen lassen.
Plötzlich wurden alle still. Niemand sprach mehr ein Wort. Ich sah in die Runde. Chilon richtete den Blick zu Boden, Myson räusperte sich. Es klang beinahe so wie früher bei meinem Vater. Ich hätte wie ein Kind weinen wollen, so sehr fehlte er mir plötzlich. Von einem Moment auf den anderen war die Stimmung gekippt.
«Was ist, habe ich euch die Laune verdorben?», fragte ich und kämpfte mit den Tränen. Aspasia gab mir ein Zeichen zu schweigen, aber ich achtete nicht auf sie. «Findet ihr es peinlich, wenn ich wieder mit dieser alten Geschichte anfange?»
«Nein, Nikomachos, das findet niemand peinlich», antwortete Myson. Aber er sah mir nicht in die Augen dabei, und ich wusste, er war nicht aufrichtig – nicht einmal er. Konnte es sein, dass sogar meine Freunde, Menschen wie Lysias, Myson und Chilon, glaubten, ich hätte mich verrannt? Wie konnten sie zweifeln?
«Was ich sagen wollte», nahm Chilon das Gespräch wieder auf, und es war, als ob sich alle entspannten, «ist, dass uns der Schrecken der Dreißig bisher einigermaßen verschont hat. Es ist wie bei einem Gewitter in der Ferne. Wir hören den Donner, aber noch brauchen wir das Unwetter nicht zu fürchten. Und genau deswegen sind jetzt so viele Athener hier.»
«Und jetzt auch wir», sagte ich und hob meinen Becher.
«Ja», antwortete Chilon, «und ihr seid von Herzen willkommen.»
    Ich lag lange wach in jener Nacht. Es war heiß. Ich schwitze, obwohl ich nackt war und mir nur ein dünnes Tuch um die Hüfte geschlungen hatte. Von den Hafenspelunken dröhnten Seemannslieder herauf. Lieder vom kalten, grausamen Meer und dem geliebten Weib in der Ferne.
    Aspasia lag neben mir. Sie hatte mir den Rücken zugekehrt und atmete tief und regelmäßig. Trotzdem wusste ich, dass sie nicht schlief. Sie trug ein dünnes Leinenhemd, dessen Saum über ihr Knie gerutscht war und ihre runden Oberschenkel entblößte. Sie roch nach Granatapfelblüten und Öl. Nichts trennte uns, und doch blieb sie mir fern. Wochenlang waren wir voneinander getrennt gewesen, aber sie war noch nicht wieder bei mir. Ich sehnte mich nach ihr, und Sehnsucht und Begehren liegen beim Mann nahe beieinander. Zaghaft, sehr zaghaft, tastete ich nach ihrer Schulter und strich über ihren Nacken und ihren Rücken, um meine Hand endlich auf ihr weibliches Becken zu legen, wo ich sie ruhen ließ. Ich fühlte, wie Aspasias Atem ihren Bauch hob und senkte. Ihre Haut schien mir unendlich zart, wie die Schale jener süßen Frucht, die mir der persische Kapitän gegeben hatte. Durfte ich mich nähern? War ich nicht ihr Mann? Wünschte sie es vielleicht, ohne ein Wort zu sagen? Ich beugte mich langsam zu ihr hinüber. Sicher würde sie meinen Atem in ihrem Nacken fühlen. – In dem Moment ergriff sie meine Hand und schob sie weg. Sie wies mich ab; die Geste duldete keinen Widerspruch. Ich drehte mich um und schloss die Augen. Das Meer, das Feuer und die Frauen sind die größten Übel, sagt das Sprichwort.
    Am nächsten Tag kam Sokrates. Barhäuptig und mit bloßen Füßen erschien er in der prallen Mittagssonne eines vor Hitze flirrenden Tages. Man wollte keinen Schritt vor die Tür setzen, so brüllend heiß war es. Trotzdem hatte er sich sofort auf den Weg nach Piräus gemacht, nachdem man ihm erzählt hatte, dass es bei der Befreiung Mysons einen Kampf gegeben haben musste.
    «Geht es euch gut, sind alle gesund?», fragte er, kaum dass er in Chilons Innenhof getreten war. Seine Stirn war von den Strahlen der Sonne halb verbrannt. «In der Stadt erzählen sie, es habe Tote gegeben. Da musste ich

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