Öland
herbeigerufen, um
die Insel nach Nils Kant zu durchkämmen.
Auf Öland fuhr schon lange kein Zug mehr, sogar die Eisenbahnschienen waren abmontiert worden, und das Bahnhofsgebäude in Marnäs hatte sich der neue Besitzer in ein Wohnhaus umbauen lassen, ein Sommerhaus natürlich.
Gerlof wandte den Blick vom Bahnhofsgebäude und lehnte
sich zurück. Wenig später begann im Auto etwas aufdringlich zu piepen. Er sah sich irritiert um, aber Julia blieb ganz
ruhig und holte ein Telefon aus ihrer Handtasche, während
sie weiterfuhr. Sie meldete sich, redete eine Weile leise und
einsilbig und stellte das Telefon dann wieder aus.
»Ich habe nie richtig begriffen, wie diese Dinger funktionieren«, sagte Gerlof.
»Welche Dinger?«
»Schnurlose Telefone. Diese Handys.«
»Man muss sie nur einschalten und jemanden anrufen«,
sagte Julia. Dann fügte sie hinzu: »Das war Lena. Ich soll dich
grüßen.«
»Danke, wie nett. Was wollte sie denn?«
»Ich glaube, sie will vor allem das Auto zurückhaben«, antwortete Julia. »Sie ruft pausenlos deswegen an.« Sie umklam-mertedas Lenkrad. »Das Auto gehört uns beiden, aber das interessiert sie nicht.«
»Aha«, sagte Gerlof ein wenig hilflos.
Seine Töchter hatten offensichtlich Schwierigkeiten miteinander, von denen er nichts wusste. Ihre Mutter hätte bestimmt etwas unternommen, wenn sie noch leben würde, er
dagegen hatte keine Ahnung, was man da machen konnte.
Julia saß stumm hinter dem Lenkrad, und Gerlof wusste
nicht, wie er das Schweigen brechen sollte.
Nach einer Viertelstunde erreichten sie die nördliche Abfahrt nach Borgholm.
»Wo fahren wir jetzt hin?«, fragte sie.
»Als Erstes werden wir Kaffee trinken gehen«, erklärte
Gerlof.
In Engströms Wohnung am südlichen Stadtrand von Borgholm war es warm und gemütlich. Gösta und Margit hatten
von ihrem Balkon einen phantastischen Blick auf die Schlossruine. An der Rückseite eines länglichen und nicht bewirtschafteten Ackers erhob sich eine steile Böschung, an der
sich große Laubbäume festklammerten, und auf dem Plateau darüber stand dann das mittelalterliche Schloss. Einer
der vielen mysteriösen Brändein Borgholm hatte es Anfangdes
19. Jahrhunderts in Schutt und Asche gelegt, und jetzt fehlten ihm Dach und Inneneinrichtung. Wo früher die Schlossfenster gewesen waren, klafften heute riesige schwarze Löcher.
Beim Anblick der ausgebrannten Fenster musste Gerlof
immer an einen Totenkopf mit leeren Augenhöhlen denken.
Einige Einwohner Borgholms hatten das Schloss nie gemocht, das wusste er, zumindest so lange, bis es sich von
einem baufälligen Prachtbau in eine antike Schlossruine verwandelte, die Touristen anlockte. Man hatte die Ölander gezwungen, das Schloss zu bauen, eines der vielen königlichen
Gebote, die den Betroffenen Schweiß, Blut und Enttäuschungeneinbrachten. Die Leute vom Festland hatten immer nur
die Ausbeutung der Insel im Sinn gehabt.
Julia stand am Fenster und betrachtete die Ruine. Gerlof
wandte sich ihr zu.
»In der Steinzeit haben sie kranke Greise von der Klippe da
gestoßen«, sagte er leise und zeigte zur Ruine. »Zumindest
erzählt man sich das. Das war natürlich, bevor das Schloss gebaut wurde. Und lange bevor sie angefangen haben, Altersheime zu bauen …«
Margit Engström kam ins Wohnzimmer. Sie trug ein Tablett und hatte sich eine gelbe Schürze mit der Aufschrift
BESTE OMA DER WELT umgebunden.
»Im Sommer veranstalten sie Konzerte in der Schlossruine«, erzählte sie, »dann kann es hier ziemlich laut werden.
Aber ansonsten ist es schön, am Fuße eines Schlosses zu
wohnen.«
Sie goss Kaffee in die Tassen, holte die Schale mit dem
Gebäck und die Platte mit dem Kuchen.
Ihr Mann Gösta lächelte ununterbrochen. Auch als Kapitän hatte er immer fröhlich ausgesehen, erinnerte sich Gerlof – zumindest solange die Leute taten, was er befahl.
»Schön, dass ihr vorbeigekommen seid«, sagte Gösta. »Wir
kommen morgen natürlich zur Beerdigung. Ihr seid doch
auch da, oder?«
Gerlof nickte.
»Ich auf jeden Fall. Julia muss vielleicht zurück nach Göteborg.«
»Was wird aus seinem Haus?«, fragte Gösta. »Haben die was
dazu gesagt?«
»Nein, das ist noch zu früh«, antwortete Gerlof. »Aber daraus wird bestimmt ein Sommerhaus für seine småländische
Verwandtschaft. Nicht, dass Nordöland unbedingt noch mehr
Sommerhäuser bräuchte, aber so wird es wohl kommen.«
»Ja, da muss einiges passieren,
Weitere Kostenlose Bücher