Olympos
Mahnmut laut.
»Wie bitte?«, sagte Suma IV. im Cockpit.
»Sag das noch mal«, meldete sich Zenturio Mep Ahoo von se i nem Notsitz im Truppentransport-Modul.
»Wiederhol das bitte«, kam die Stimme des Hauptintegrators Asteague/Che mit ihrem britischen Akzent von der Queen Mab, und Mahnmut erkannte, dass man im Mutterschiff nicht nur ihre offiziellen Funkbotschaften empfing, sondern auch ihr G e plauder über Bordfunk mithörte. Er hoffte inständig, dass nicht auch ihre Engstrahl-Gespräche angezapft wurden.
Schon gut, sendete Mahnmut. Ich werde dich ein andermal nach dem Drachen und den Zauberern und so weiter fragen.
Über Bordfunk sagte er: »Verzeihung … nichts … ich habe nur laut gedacht.«
»Ich möchte doch um Funkdisziplin bitten«, blaffte Suma IV.
»Jawohl … äh … Sir«, sagte Mahnmut.
Unten im Laderaum rumpelte Orphu von Io im Infraschallb e reich.
Odysseus ’ Konstruktionsfähre näherte sich langsam der hell e r leuchteten Glasstadt, die den Asteroiden umschloss. Sensoren der Fähre bestätigten, dass der Asteroid unter ihr annähernd karto f felförmig war – ungefähr zwanzig Kilometer lang, mit einem Durchmesser von fast elf Kilometern. Jeder Quadratmeter der N i ckel-Eisen-Oberfläche des Asteroiden war von der gläsernen Stadt bedeckt, deren Türme und Kuppeln aus Stahl, Glas und Buckykarbon sich bis zu einer maximalen Höhe von einem halben Kilometer erhoben. Sensoren zeigten, dass der Luftdruck in dem gesamten Gebilde dem irdischen Luftdruck auf Höhe des Meere s spiegels entsprach, dass die Luftmoleküle, die unvermeidlich durchs Glas leckten, auf ein normales ird i sches Sauerstoff-Stickstoff-Kohlenstoff-Atmosphärengemisch hindeuteten und dass im Inneren angenehme Temperaturen für einen Menschen herrschten, der vor dem Klimawandel am Ende des Untergega n genen Zeitalters in mediterranen Regionen gelebt hatte … also e t wa für jemanden aus Odysseus ’ Zeit.
Auf der Brücke der Queen Mab, die eine konstante Entfernung von tausend Kilometern beibehielt, überwachten alle hochrang i gen Vecs ihre Sensoren und Bildschirme noch aufmerksamer, als die gläserne Asteroidenstadt einen unsichtbaren Kraftfeld-Energietentakel aussandte, der die Konstruktionsfähre erfasste und zu einer luftschleusenähnlichen Öffnung hoch oben am höchsten Glasturm herabzog.
»Triebwerke und Autopilot der Fähre abschalten«, befahl Cho Li.
Retrograde Sinopessen überwachte Odysseus ’ Biotelemetrie. »Unserem menschlichen Freund geht es gut. Er ist aufgeregt … Herzschlag ein wenig beschleunigt, Adrenalinpegel steigend … er kann aus diesem kleinen Fenster schauen … aber ansonsten ist er gesund.«
Holografische Bilder flimmerten über Konsolen und den Karte n tisch, als die Fähre näher herangezogen und dann in das dunkle Rechteck der Luftschleuse gesaugt wurde. Eine Glastür glitt zu. Sensoren an der Fähre registrierten ein Kraftfelddiff e renzial, das sie »nach unten« stieß – ein Schwerkraftersatz von bis zu 0,68 Erd-g –, und dann zeichneten die Sensoren auf, wie Luft in die große Schleusenkammer strömte. Sie war ebenso atembar wie die Luft in Ilium.
»Funk- und Masersignale sowie quantentelemetrische Daten kommen sehr klar durch«, berichtete Cho Li. »Das Glas der Stadtmauer blockiert sie nicht.«
»Er ist noch nicht in der Stadt«, knurrte General Beh bin Adee, »sondern erst in der Luftschleuse. Wundert euch nicht, wenn die Stimme alle Übertragungen unterbricht, sobald Odysseus drinnen ist.«
Sie sahen über die subjektiven Hautkameras zu – genauso wie jeder an Bord des rund fünfzigtausend Kilometer entfernten La n deboots –, wie Odysseus sich aus dem kleinen Raum schä l te, sich streckte und auf eine Innentür zuging. Obwohl er weiche Schiff s kleidung trug, hatte der Mensch trotz aller Proteste der Moravecs darauf bestanden, seinen runden Schild und sein Kurzschwert mitzunehmen. Nun näherte sich der bärtige Mann mit erhobenem Schild und gezücktem Schwert der hell erleuc h teten Tür.
»Falls niemand das Bedürfnis hat, Jerusalem oder den Neutrin o strahl noch ausführlicher zu untersuchen, nehme ich jetzt Kurs auf Europa«, sagte Suma IV. über Bordfunk.
Niemand protestierte, obwohl Mahnmut eifrig damit beschä f tigt war, Orphu die Farben der Altstadt von Jerusalem zu b e schreiben – die Rottöne der Spätnachmittagssonne auf den uralten Gebä u den, den goldenen Glanz der Moschee, die lehmfa r benen Straßen und dunkelgrauen Schatten der Gassen,
Weitere Kostenlose Bücher