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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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ihr meinen Mut lieber bei anderer Gelegenheit bewiesen hätte. Nur, sollte ich vielleicht sagen, ich fände das schwachsinnig, zum Totlachen, und sie, sie schloß dann daraus, ich wollte mich drücken? Nein, das konnte ich mir nicht leisten. Und in ein paar Tagen würden wir gemeinsam darüber lachen, garantiert. Sie würde mir gestehen, daß sie sich das erstbeste Ding gegriffen habe, und mich fragen, ob ich sie in diesem Moment nicht für ziemlich blöd gehalten hätte. Und ich würde ihr schwören, dem sei nicht so, und sie würde sich an mich kuscheln und sich vor Scham unter der Bettdecke verkriechen.
    Kurz und gut, wenn ich schon den Idioten spielen sollte, dann lieber sofort. Noch hatten wir nicht sämtliche Hunde des Dorfs aufgeweckt, und der Regen bewahrte uns vor herumbummelnden Nachtwandlern. Nichtsdestoweniger handelte es sich um eine stabile Reihe von glatten, schimmernden und dazu verflixt hohen Eisenstäben. Ich hätte Anna mal sehen wollen. Mit ein bißchen Glück würde ich mich auf den lanzenähnlichen Spitzen aufspießen und als ordinärer Leichenfledderer in der Hölle braten.
    Ich glaube, sie war nicht imstande, in mir irgendwelchen Groll zu erwecken. Der Zorn, der in mir aufstieg, als ich die Stäbe packte, galt mir persönlich. Ich war nicht stolz auf mich. Ich ärgerte mich, daß ich mich nicht anders in Szene gesetzt hatte.
    Zumal ich nicht schwungvoll auf die andere Seite fliegen konnte. Das war ein mühseliges, ziemlich lächerliches Klimmen, begleitet von Grimassen und einem erstickten Stöhnen. Das war, als kletterte man einen Besenstiel hinauf, nur daß das hier kein Ende nahm und noch rutschiger war. Über die Lanzenspitzen hinwegzusteigen, die am oberen Ende emporragten, bereitete mir gehörige Probleme, und da sie unten stand, nahm ich die Gelegenheit wahr, unbemerkt, aber kräftig zu fluchen.
    Von nahem betrachtet, sah das Kränzchen scheußlich aus. Innen war es rostzerfressen, und einzig der Regen verlieh ihm einen schwachen Glanz. Ich war sicher, normalerweise hätte sich keiner von uns gebückt, um so etwas Jämmerliches aufzuheben.
    »So, jetzt, wo ich oben bin … Bist du sicher, daß du dich mit diesem Ding schmücken willst?«
    »Was?!!«
    »Schon gut, das war nur ein Scherz …«
    »Och … Das ist doch toll! Das wird uns an unsere erste Begegnung erinnern!«
    Das Stärkste war, daß sie es anscheinend ernst meinte. Ich spürte, wie flegelhaft es von mir war, dies nicht bedacht zu haben, und wie feinfühlig ich auch jetzt wieder handelte, wo ich mehr und mehr in meiner Rolle als Rohling aufging, sobald ich nur den Mund aufsperrte. Ich brauchte nur so weiterzumachen, wenn ich sie verlieren wollte, ich war auf dem besten Weg.
    »Gib es mir«, bat sie mich mit sirenenhafter Stimme.
    »Nein«, widersprach ich, während ich sie mit Blicken verschlang. »Ich komme!«
    Ihr das Kränzchen durch die Stäbe zu reichen, reizte mich nicht. Ich wollte sie in meine Arme heben, wenn ich es ihr gab, sie davontragen und vielleicht mit ihr in den Schutz eines Grabens sinken, um mir dort meine Belohnung abzuholen. Ich packte einen der Stäbe und dachte mit unbändiger Freude, daß diese Nacht nie enden würde, daß es kaum möglich war, all ihre Wonnen auszukosten.
    Meine Kräfte kannten keine Grenzen. In Null Komma nichts war ich wieder oben. Ich entnahm ihrer Miene, daß sie eine solche Behendigkeit nicht fassen konnte, es war, als hätte mich ein Engel am Rücken gepackt und gen Himmel geschleudert. Warum hatte sie mir eine solch leichte Prüfung auferlegt, wo ich doch eine tausendfach schwerere für sie gemeistert hätte?! Überdies hatte ich dabei ihr Kränzchen in der Hand, als ob mir ein Arm genügte, als ob ich eine solche Übung jeden Morgen nach dem Aufstehen absolvierte.
    Ich setzte einen Fuß auf die Querstange. Dann vollführte ich einen Klimmzug, um mich geschmeidig ganz nach oben und auf die andere Seite zu schwingen. Leider rutschte dabei mein Fuß ab.
    Bei dem Geräusch, das folgte, schoß mir als erstes durch den Kopf, daß ich mir mein Hemd zerrissen hatte. Dann, daß mich irgend etwas einkeilte. Anna wich schreiend zurück, taumelte und fiel der Länge nach auf die Straße.
    Gleichzeitig merkte ich, daß ich Seitenstechen hatte. Ich ließ das Kränzchen los. Ich verstand nicht, warum ich mich nicht mehr bewegen konnte. Bis ich mit einer Hand nach dem Gewicht tastete, das ich auf meinem Rücken spürte, und sich meine Hand um einen seltsamen Gegenstand schloß. Tatsächlich

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