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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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auch gewesen, als sie auf mich zugegangen war. Man brauchte nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was sie in meine Arme getrieben hatte. Ich wußte nicht, wie ich es hingekriegt hatte, aber das Ergebnis war eindeutig. Ich mußte mich vorsehen, nicht einfältig zu grinsen.
    Andererseits hatte ich mit ihr getan, wozu ich mich mit Ramona nie durchgerungen hatte. Ich hatte keine Sekunde gezögert. Und wenn ich daran zurückdachte, wurde mir klar, was das bedeutete, ich ermaß die Grenzen, die ich mir drei Jahre lang auferlegt hatte. Im Grunde hatte ich nie daran gedacht, sie wirklich zu besitzen, ich hatte mich mit der Lust begnügt, die sie mir an jedem 12. des Monats verschaffte, und ich erkannte, daß sie nie versucht hatte, uns einander näherzubringen. Daß sie mir sorgsam die Augen verbunden hatte, um mich dahin zu bringen, wo sie es wünschte, daß sie mich durch ein Labyrinth geführt hatte, zu dem sie den Schlüssel besaß, ganz darauf bedacht, daß ich nicht von dem Weg abwich, den sie uns vorgezeichnet hatte. Ich wußte nicht, ob ich ihr dafür dankbar sein sollte oder nicht, aber ich begann gewisse Dinge zu begreifen. Nicht daß das Spielchen, das ich mit Anna ausgetragen hatte, nun das Feinste vom Feinsten gewesen wäre, der Everest, den es zu erreichen galt, ohne den man keine Ahnung hatte von den Höhen, in denen man den wahren Liebenden begegnet. Nein, ich hatte mit Ramona reinere Wonnen erlebt, Augenblicke, in denen ich vor Wohlbehagen verging, in denen ich mich mit dem Gedanken auf die Seite gerollt hatte, der Tod könne mir nichts mehr anhaben. Nein, daß ich das bei ihr nie gemacht hatte, lag daran, daß sie es so beschlossen hatte. Es stieß mich nicht dermaßen ab, daß sie mich mit ein paar raffinierten Tricks nicht dazu hätte bringen können, und das wußte sie bestimmt. Aber es gab Dinge, zu denen sie mich nicht ermunterte, Anwandlungen, die sie bremste, gemurmelte Worte, die sie nicht hören wollte, und ich fand mich damit ab. So viele Kleinigkeiten, die mir jetzt einfielen, die mir nach meiner Sitzung mit Anna klarer wurden und die mich ganz perplex machten, während unser Bad einlief und das Zimmer immer mehr beschlug.
     
    Es stand geschrieben, ich würde mich an diesem Abend erneuern. Nachdem der Akt erst einmal vollzogen war, würde ich nicht mehr allein dastehen, an den Mauern entlangschleichen wie ein Dieb. Das war ein kleiner Unterschied.
    Wir hielten uns eine Weile in der Küche auf, um unseren Bärenhunger zu stillen. Flo kam kurz hereingeschneit – was mich veranlaßte, den Reißverschluß meines Hosenschlitzes zu überprüfen – und betrachtete uns beide mit glühendroten Wangen, dann stammelte sie einige zusammenhanglose Worte und verdrückte sich, als hätten wir eine ansteckende Krankheit. Ich vermutete, die Neuigkeit würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten.
    »Stört dich das?« fragte Anna.
    »Nein. Aber sie soll sich um ihren eigenen Kram kümmern.«
    Natürlich sollte sie sich besser um ihren eigenen Kram kümmern. Aber Flo war nun mal so, und so schlimm auch wieder nicht. Jeder wußte, daß sie ein spezielles Mundwerk hatte – und ich besser als jeder andere! –, aber wer von uns hat keine Fehler?! Sie hatte auch das Herz auf dem rechten Fleck, und die Geschichten, die sie herumtratschte, waren nie besonders böse, sie wollte den Leuten nicht weh tun. Daß jemand so sauer auf sie war, daß er sie in den Keller einsperrte, schien mir ausgeschlossen.
    Sie stand am Rande eines Nervenzusammenbruchs, als man sie aus ihrer mißlichen Lage befreite, sie heulte wie ein Schloßhund. Wir waren eine ganze Schar in der Küche und versuchten sie aufzumuntern, und ich in vorderster Front, ich ließ zu, daß sie das Revers meines Hemdes zerknitterte und überschwemmte, während ich ihr ein Taschentuch hinhielt, das sie hartnäckig ignorierte.
    Sie war Wein holen gegangen oder was weiß ich. Und die Tür war zugeschlagen, das Licht ausgegangen. Es dauerte, bis sie einsah, daß man sie tatsächlich überhört haben konnte, daß ich wieder am Klavier losgelegt hatte, daß ihr Rufen in dem fürchterlichen Radau, den ich, den wir alle veranstaltet hatten, untergegangen war und wir nicht allesamt unter einer Decke steckten. Wir trösteten sie, so gut wir konnten. Wir bestätigten ihr, daß es keinem von uns gefallen hätte, mehr als eine halbe Stunde im Dunkeln auszuharren oder eine Stufe zu verfehlen und im hohen Bogen über einen Sack Kohlen zu segeln. Wir schoben alles auf den

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