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Projekt Armageddon

Projekt Armageddon

Titel: Projekt Armageddon Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Susanne Gerdom
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ihr seine Rückseite. Er trug eine dicke Jacke, die der ihren glich, und aus ihr heraus wuchs ein Paar schwarzer Schwingen, die er nun für sie entfaltete. Wunderschöne Flügel waren das, wie die eines schwarzen Schwans, fest und kräftig, mit langen, biegsamen Schwungfedern und kleineren Deckfedern, die glänzend schwarz schimmerten.
    »Sehen meine genau so aus?«, fragte sie mit schwacher Stimme. Das war ein Trip. Sie musste auf einem Trip sein.
    Aber was war ein »Trip«?
    Der Mann ging um sie herum und kam dann zurück. »Ja. Du bist eine von uns. Gratuliere, Rekrut, ab heute gehörst du zu den Dunklen Mächten.« Er lachte laut, den Kopf in den Nacken gelegt. Irgendwo in der Ferne antwortete ein bellendes Geheul, das ihr die Nackenhaare aufrichtete. »Was ist das für ein Ort?«
    »Limbus«, sagte er kurz. »Genauer gesagt: Schlachtfeld 235. Aber das erklärt euch alles euer Ausbilder. Ich bin nur so was wie ein Schäferhund und halte die Herde zusammen.«Er deutete zum Hügel hinauf. »Und da kommen die anderen Schäfchen. Heulend und zähneklappernd, wie immer.« Er musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Du bist ein anderes Kaliber, chica * . Du bist hart. Das ist gut. Die Harten haben es hier leichter.«
    Sie schnaufte, wenig überzeugt. Sie fühlte sich nicht sonderlich hart, eher durch die Mühle gedreht, zerkaut und ausgespuckt.
    Gonzalo schien ihre Gedanken zu lesen, denn er legte seine Hand kurz auf ihre Schulter. »Mach dir nicht zu viele Gedanken«, sagte er. »Grübeln bringt nichts. Du wirst dich schnell eingewöhnen und dann ist es gar nicht mal so übel hier, du wirst sehen.«
    Jetzt kam der Narbige in lockerem Trab heran, während des Laufens Kommandos und laute Anfeuerungsrufe austoßend. »Bewegt euch, faule Bande«, hörte sie ihn bellen. »Hopp, hopp, wir wollen doch heute noch im Lager ankommen. Eins, zwei, hebt eure lahmen Füße, eins, zwei!«
    Er passierte die Stelle, an der sie mit Gonzalo stand, blieb stehen und warf ihr einen funkensprühenden Blick zu. Hinter ihm kam die keuchende, stöhnende Menschenherde zum Stehen.
    »Schwerhörig, Rekrut? Ins Glied, aber marsch!«
    Sie zeigte ihm den Mittelfinger, erwartete, dass er brüllen, Feuer speien, sie schlagen würde. Aber er grinste nur breit und entblößte dabei ein beeindruckendes Arsenal an scharfen Zähnen. »Grüßen kannst du schon, wie ich sehe. Und du hast deine Flügel. Ja, manche sind schneller als andere. Bewegt euch!«, brüllte er. »Gonzalo, halt die Bande zusammen. Und jetzt: Vorwärts, marsch! Das gilt auch für dich, Naseweis!«
    Sie fand sich neben Gonzalo wieder, der leichtfüßig neben ihr herjoggte. »Wohin bringt ihr uns?«
    »Ins Lager.« Er fummelte ein zerknülltes Papierchen aus der Tasche, ein paar Krümel aus einer anderen und begann, sich im Laufen eine Zigarette zu drehen.
    »Was für ein Lager. Arbeit?«
    »Drill«, erwiderte er. »Waffenübungen. Ein bisschen Theorie, damit ihr wisst, wo ihr seid und gegen wen ihr kämpft, was eure Aufgaben sind und was zu beachten ist. Aber keine Sorge, bis zum ersten ernsthaften Einsatz könnt ihr euch noch ein bisschen einleben.« Er lachte wieder, laut und rau, über einen Witz, den sie nicht verstand. »Einleben«, wiederholte er und wischte sich die Augen. »Mann, ich hab heute wohl einen Clown gefrühstückt.«
    Sie verstand nicht, aber es war ihr gleichgültig. Was auch immer das hier darstellte, sie würde einen Weg hinaus finden. Lager bedeutete Zäune. Irgendwo. Und jeder Zaun hatte ein Tor oder eine unbewachte Stelle, an der man ihn überwinden konnte. Sie würde diese Stelle finden.
    »Sieht das überall so aus?«, fragte sie. »Nichts Grünes, nur Staub und Asch…« Sie verstummte.
    »Hm?«, fragte Gonzalo und sah sie scharf an. »Ist was?«
    »Asche«, sagte sie langsam. »Ash. Das bin ich.«
    Sie passierten eine kleine Anhöhe, dahinter tat sich eine große Senke vor ihrem Blick auf. Es war dämmrig geworden, der Himmel hatte sich von Bleigrau zu dunklem Grafit verdüstert. Überall auf dem Gelände flackerten Feuer – Fackeln und offene Feuerstellen. Sie sah Zelte und behelfsmäßig gezimmerte Unterstände, Berge von Kisten und Ausrüstung, und überall liefen Geflügelte herum. Und nicht nur das: Über dem Gelände kreisten die riesigen vogelähnlichen Gestalten, die sie schon vom Hügel aus erblickt hatte.
    »Was ist das?«, fragte sie und griff nachGonzalos Arm.
    »Was? Ach, die Harpyien * . Keine Sorge, die gehören zu uns.« Er legte die

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