Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)
placierte er den Radfahrer in liegender Haltung auf einem komplizierten System von Ellbogen- und Schenkelstützen, das Gesicht hinter einer kleinen Windschutzscheibe. Das bedeutete, daß der Radfahrer beim Auf- und Absteigen ein bißchen auf die Hilfe seiner Freunde angewiesen war und daß es vielleicht nicht ganz leicht sein würde, bei Rot anzuhalten, aber du lieber Himmel, damals gab es noch kaum Ampeln außer an der Kreuzung von Kungsgatan und Sveavägen, also spielte das keine größere Rolle.
Die Pedale mußten natürlich an einen entsprechend hochgelegenen Punkt verlegt werden, ungefähr dorthin, wo bei einem normalen Rad der Gepäckträger sitzt.
– Das ist so ein typischer Schwachsinn, sagte Onkel Stig, daß die Kraft der Beine bei einem normalen Fahrrad nur auf einem Drittel des Tretwegs genutzt wird. Die Kraft muß natürlich gleichmäßig auf die gesamte Umdrehung verteilt werden.
Also steckte er die Füße des Radfahrers in zwei kräftige Lederriemen und montierte zwei vordere Zahnkränze, einen für jeden Fuß. Er gab ihnen eine elliptische Form, aus Gründen, die so kompliziert sind, daß ich sie hier nicht erläutern kann, und stellte die Ellipsen rechtwinklig zueinander.
Ein solches Fahrrad anzutreten ist etwas schwierig. Deshalb versah er es mit einer Gangschaltung, die nicht weniger als fünfzehn verschiedene Gänge hatte. Das größte Zahnrad war so groß wie ein Dessertteller, und das kleinste so klein wie ein Zwei-Öre-Stück.
Die Lenkstange sah recht imponierend aus mit all ihren Griffen und dem ganzen Klimbim, als er es uns an einem Sonntag im März 1949 in seiner Küche zeigte. Vor der Nase hatte der Pilot oder wie man ihn nun nennen soll, der Radfahrer, Testfahrer, einen ziemlich großen, stabilen Tachometer.
Was uns auffiel, als er uns den Prototyp zeigte, war die Skala des Tachos, die bis zu 150 Stundenkilometern reichte.
– Ist das nicht ein bißchen viel, fragten wir.
– Die Frage ist, ob es reicht, sagte Onkel Stig. Niemand kann voraussagen, wie schnell dieses Fahrrad sein wird. Bei sehr hohen Geschwindigkeiten treten neue aerodynamische Gesetze in Kraft. Niemand weiß, wie sie sich auswirken. Ihr müßt bedenken, daß bisher kein Mensch sich aus eigener Kraft mit einer solchen Geschwindigkeit bewegt hat.
– Doch, sagte ich.
– Wer denn, fragte Onkel Stig erbost.
– Die Leute, die sich vom Katarina-Aufzug stürzen.
– Hm.
Die Felgen waren sehr schmal, es war ein umgebautes Rennrad, ohne Schutzbleche und mit diesen schmalen Reifen, die man blitzschnell wechseln kann. Die Lenker waren, abgesehen von den Ellbogenstützen, gewöhnliche, nach unten gebogene Rennlenker. Es mag wohl an die dreißig Kilo gewogen haben, fünf davon allein die Gangschaltung mit all ihren Antriebsketten, Zahnkränzen und was noch so dazugehörte. Ich überlegte angestrengt, ob ich ihn um eine Probefahrt bitten sollte, aber mir wurde klar, daß er das niemals erlaubt hätte, und außerdem befanden wir uns ja in seiner Küche.
Am ersten Sonntag im April 1949 fand die Probefahrt statt, auf der Landstraße nach Södertälje, die damals noch nicht besonders stark befahren war.
Ich selbst bin nicht dabeigewesen, aber ich habe viel davon erzählen hören. Er hatte Briefe an die Presse geschickt und Ny Dag , Morgon-Tidningen und AT eingeladen, aber ich weiß nicht, ob überhaupt irgendein Journalist gekommen ist. Jedenfalls habe ich in keiner der Zeitungen je eine Meldung gefunden.
Es war ein recht naßkalter Aprilmorgen, wie Aprilmorgen in diesen Breitengraden häufig sind.
Zum Startplatz – ich weiß nicht genau, wo er lag – wurde der Prototyp mit einem Taxi gebracht. Wie sich zeigte, trug er einen roten Wimpel mit Hammer und Sichel an einer eigenen kleinen Fahnenstange am Lenker, und vielleicht war es das, was ihn bei einem Teil der Zeitungen unbeliebt machte.
Ein paar Freunde hatten sich versammelt, Parteigenossen, alte Spezis, einige Verwandte und ein Mädchen, das Onkel Stig kannte. Die meisten Spezis gehörten zum Fahrradclub Sofia, wo Onkel Stig immer eine Menge Freunde gehabt hatte.
Onkel Stig, zu Ehren des Tages in Turnschuhen, Turnhosen, dem Trikot des Fahrradclubs Sofia, mit Lederkappe und einer dicken Motorradbrille, überwachte das Ausladen des Fahrrads und bezahlte das Taxi. Der Fahrer war etwas sauer, weil er so wenig Trinkgeld bekam, knapp fünf Prozent.
Er richtete eine kurze Ansprache an die Versammelten:
Genossen!
Ihr wohnt einem historischen Ereignis bei,
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