Runlandsaga - Sturm der Serephin
spielte, dessen Klang ihm bekannt vorkam, doch dessen Aussehen er sich nicht vorzustellen vermochte.
Wer außer dem Verräter und den Menschen befand sich dort?
Er stand völlig still. Dann drehte er sich abrupt um und wandte sich dem Pfad zu, der zur Stadt hinunterführte. Es hatte keinen Sinn, weiter zu grübeln und Zeit zu verschwenden. Was immer das Unbekannte in Carn Taar sein mochte, er würde fortfahren wie vorgesehen – und er würde wachsam sein.
Zwei Wildkaninchen, die mitten auf dem Weg gesessen hatten, schraken vom Geräusch seiner Schritte auf und flüchteten mit weiten Sprüngen in die Sicherheit eines nahen Ginstergebüschs.
Immer noch mit einem breiten Lächeln im Gesicht schritt Ranár in der warmen Frühlingsluft seinem Plan entgegen.
13
Ein lautes Donnern hämmerte schmerzhaft auf Suvares Gehirn ein und pflanzte sich bis zu ihrem Gebiss fort. Ihr war, als würde der Lärm ihr alle Zähne lockern.
O verflucht, was ist das bloß? Das ist ja nicht auszuhalten!
Sie stöhnte mit geschlossenen Augen und biss hart zu, um das unerträgliche Beben in ihrem Mund zu vertreiben. Gleichzeitig ließen die dröhnenden Geräusche ein wenig an Lautstärke nach.
Suvare öffnete kurz ihre Augen, nur um sie gleich wieder fest zuzukneifen. Bei allen Geistern, das war zu hell für ihren augenblicklichen Zustand! Sofort schien der unsichtbare Trommler erneut auf ihren Kopf einzuschlagen wie auf eine Kesselpauke. Mühsam wälzte sie sich in ihrer Koje der Wand zu, um bei ihrem nächsten Versuch, den neuen Tag anzublinzeln, wenigstens nicht das volle Tageslicht abzubekommen.
Was habe ich bloß getrunken? Ich habe einen Geschmack im Mund, als wär eine Maus darin verreckt.
Ihre Hand tauchte unter der Decke hervor und tastete nach dem Krug, der, wenn ihre nebelige Erinnerung sie nicht im Stich ließ, auf dem Tisch neben der Koje stehen musste. Hatte sie ihn nicht dort hingestellt, bevor sie wie ein Stein auf die Matratze gefallen war?
Sie stöhnte erleichtert auf, als ihre Fingerspitzen den kalten Ton berührten. Ihre Hand schloss sich um den Henkel. Vorsichtig richtete sie sich auf und setzte mit nach wie vor geschlossenen Augen den Krug an die Lippen. Das Wasser lief kühl ihren brennenden Rachen hinab und vertrieb ein wenig von dem bitteren Geschmack in ihrem Mund. Nun begann sich auch das Dröhnen in ihren Ohren wieder in das zu verwandeln, was es von Anfang an gewesen war: die Geräusche, die beim Verladen der schweren, mit Öl gefüllten Holzfässer entstanden und bis in ihre Kajüte drangen. Es war ein Teil der Ladung, die heute an Bord kommen sollte. Wie lange hatte sie bloß geschlafen?
Suvare blinzelte erneut aus verquollenen Augen. Licht strömte durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden. Schwerfällig wie eine alte, gebrechliche Frau erhob sie sich von ihrer Koje. Als sie an sich hinabsah, fiel ihr auf, dass sie noch immer angezogen war. Anscheinend hatte sie es gerade mal geschafft, die Stiefel loszuwerden, bevor sie ihren Rausch ausgeschlafen hatte. Sie stand auf und schleppte sich durch den Raum. Der Boden schwankte unter ihren nackten Füßen. Entweder hatte sich das Hafenbecken plötzlich in die offene See verwandelt, oder sie war immer noch völlig erledigt von der letzten Nacht. Sie vermutete Letzteres.
Erst als ihre Hände die hölzernen Fensterläden ergriffen, hörte das Schwanken wieder auf. Sie atmete tief durch. Die wenigen Meter hatten das Dröhnen in ihrem Kopf wieder anschwellen lassen, dass sie glaubte, er würde gleich aufplatzen wie eine überreife Melone. Sie kniff die Augen zu und öffnete mit einem Ruck die Läden – wozu das Unvermeidliche hinauszögern?
Die Strahlen der Frühlingssonne, die sich trotz ihrer geschlossenen Lider durch die Augenhöhlen in ihren Kopf zu bohren schienen, bewogen sie, ihren Heldenmut sofort zu bereuen. Mit einem gemurmelten Fluch wandte sie den Kopf ab. Erst nach einigen Momenten blinzelte sie wieder den neuen Tag an.
Dem Licht nach zu urteilen, musste es bald Mittag sein. Die Sonne hatte bereits den östlichen Hügelkamm der Bucht erklommen und schien auf die vielen Häuser herab, die ihn bis etwa auf halbe Höhe bedeckten. Die Stadt war bereits seit Stunden erwacht. Der Lärm vieler Stimmen erfüllte den Hafen.
Suvare ging bedächtig zurück zu ihrer Koje, setzte sich auf den Rand und trank einen weiteren, tiefen Schluck aus dem Krug. Ihr Schädel schmerzte noch immer, aber allmählich schienen ihre Gedanken wieder klarer zu
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