Saemtliche Werke von Jean Paul
unvergossen vom Auge zerquetscht. Der Lord fing wieder an, aber kälter: »Glaube nicht, daß ich besonders gerührt bin – glaube nicht, daß ich eine Freude begehre, oder einen Schmerz verwünsche – ich lebe nun ohne Hoffnung und sterbe nun ohne Hoffnung.« –
Seine Stimme kam schneidend über Eisfelder her, sein Blick war scharf durch Frost.
Er fuhr fort: »Wenn ich sieben Menschen vielleicht glücklich gemacht habe, so muß auf meinem schwarzen Marmor geschrieben werden: Es ruht … Warum wunderst du dich so? Bist du jetzt schon ruhig?« – Der Vater sah starr auf das weiße Herz, und starrer geradeaus, als wenn eine Gestalt sich aufhöbe aus dem Grabe – das frierende Auge legte und drehte sich auf eine aufdringende Träne – schnell zog er einen Flor von einem Spiegel zurück und sagte: »Blicke hinein, aber umarme mich darauf!«… Viktor starrte in den Spiegel und sah schaudernd ein ewig geliebtes Angesicht darin erscheinen – das Angesicht seines Lehrers Dahore – er bebte wohl zusammen, aber er sah sich doch nicht um und umfaßte den Vater, der ohne Hoffnung war.
»Du zitterst viel zu stark,« (sagte der Lord) »aber frage mich nicht, mein Teurer, warum alles so ist: in gewissen Jahren tut man die alte Brust nicht mehr auf; so voll sie auch sei.«
Ach du dauerst mich! Denn die Wunden, die aufgedeckt werden können, sind nicht tief; der Schmerz, den ein menschenfreundliches Auge finden, eine weiche Hand lindern kann, ist nur klein. – Aber der Gram, den der Freund nicht sehen darf, weil er ihn nicht nehmen kann, dieser Gram, der zuweilen ins beglückte Auge in Gestalt eines plötzlichen Tropfens aufsteigt, den das weggewandte Angesicht vertilgt, hängt überdeckt schwerer und schwerer am Herzen und zieht es endlich los und fällt mit ihm unter die heilende Erde hinab: so werden die Eisenkugeln an den über dem Meer gestorbnen Menschen angeknüpft, und sie sinken mit ihm schneller in sein großes Grab. – –
Er fuhr fort: »Ich werde dir etwas sagen; aber schwöre hier auf dieser teuern Asche, zu schweigen. Es betrifft deinen Flamin, und diesem mußt du es verhehlen.« Das fiel dem von einer Welle auf die andre gestürzten Viktor auf. Er erinnerte sich, daß ihm Flamin das Versprechen auf der Warte abgedrungen, daß sie miteinander, wenn sie sich zu sehr beleidigt hätten, sterben wollten. Er stand mit dem Schwur an – endlich sagt’ er: »Aber kurz vor meinem Tode darf ichs ihm sagen?« – »Kannst du ihn wissen?« sagte sein Vater. – »Aber im Fall?« – »Dann!« sagte jener kalt. –
Viktor schwur; und zitterte vor dem künftigen Inhalt des Eides.
Auch mußt’ er versprechen, vor der Wiederkehr des Lords diese dunkle Insel nicht zu besuchen.
Sie traten aus dem Laub-Mausoleum und ließen sich auf eine umgestürzte Stalaktite nieder. Zuweilen fiel unter dem Reden ein fremder Harmonika-Ton von Blatt zu Blatt, und in einer weiten Ferne schienen die vier Paradieses-Flüsse unter einem mitbebenden Zephyr hinwegzuhallen.
Der Vater begann: »Flamin ist Klotildens Bruder und des Fürsten Sohn.« – –
Nur ein solcher Gedanken-Blitz konnte noch in Viktors geblendete Seele dringen: eine neue Welt ging in ihm jetzt in die Höhe und riß ihn aus der nahen großen weg. –
»Auch« (fuhr Horion fort) »leben Januars drei andere Kinder in England noch, bloß das vierte auf den sieben Inseln ist unsichtbar.« Viktor begriff nichts; der Lord riß der Vergangenheit alle Schleier ab und führte ihn vor eine neue Aussicht ins nahe Leben und ins verflossene. Ich werde nachher alle Entdeckungen und Geheimnisse des Lords dem Leser geben: jetzt will ich erst den Abschied des Vaters und des Sohns erzählen.
Während der Lord seinen Sohn in die düstern unterirdischen Gänge der vorigen Zeit begleitete und ihm alles sagte, was er der Welt verschwieg: so gingen aus Viktors Augen Tränen über manche Geringfügigkeit, die keine verdienen konnte; aber der Strom dieser weichen Augen wurde nicht durch diese Erzählung, sondern durch das zurückkehrende Andenken an den unglücklichen Vater und durch die Nähe der bedeckten schönen Aschengestalt und des Trauermarmors aus dem fortweinenden Herzen gedrückt. – Endlich hörten alle Töne der Insel auf – das schwarze Tor schien zuzufallen – alles war still – der Lord war mit der Enthüllung und allem zu Ende und sagte: »Geh immer heute noch nach Maienthal – und sei vorsichtig und glücklich!« – Aber ob er gleich den Abschied mit jener
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