Saemtliche Werke von Jean Paul
diese Mysterien offenbaren könnte, da er zwei Gründe dazu hätte: erstlich werde ihrer Delikatesse die Verlegenheit über den Schein erspart, den ihre schwesterliche Liebe sonst nach ihrer Meinung in seinen Augen haben müßte – zweitens behalte man ein Geheimnis besser, wenn nur noch einer daran schweigen helfe, wie von Midas’ Barbier und dem Schilfrohr bekannt sei – der dritte Grund war, er hatte mehre Gründe. Natürlicherweise schlug es ihm der Lord nicht ab.
Übrigens führte er seinen Viktor mit keinem pedantischen Marschreglement auf die Eisbahn und Stechbahn des Hofes. Er riet ihm bloß, niemand zu absichtlich zu suchen und zu meiden – besonders das Schleunessche Haus – bloß seinen Freund Flamin, den Matthieu lenke, abzuzäumen und ihn, anstatt am Zaume, lieber an der freundschaftlichen Hand zu führen – bloß den Rang eines Doktors zu begehren, und mehr nicht. Er sagte, Regeln vor Erfahrungen wären Geometrie vor dem Starstechen. Sogar nach der Ernte der Erfahrungen wäre Gracians homme de cour und Rochefoucaults Maximen nicht so gut als die mémoires und Geschichte der Höfe, d. h. die Erfahrungen andrer. Endlich berief er sich auf sein eignes Beispiel und sagte, es wären erst wenige Jahre, daß er folgende Regeln seines Vaters begriffe:
Der größte Haß ist, wie die größte Tugend und die schlimmsten Hunde, still. – Die Weiber haben mehr Wallungen und weniger Überwallungen als wir. – Man hasset am andern nichts so sehr als einen neuen Fehler, den er erst nach Jahren zeigt. – Die meisten Narrheiten verübt man unter Leuten, nach denen man nichts fragt. – Es ist die gewöhnlichste und schädlichste Täuschung, daß man sich allzeit für den einzigen hält, der gewisse Dinge bemerkt. – Die Weiber und sanfte Leute sind nur zaghaft in eignen Gefahren, und herzhaft in fremden, wenn sie retten sollen. – Traue keinem (und wär’ es ein Heiliger), der in der geringsten Kleinigkeit seine Ehre im Stiche lässet; und einer solchen Frau noch weniger. – Die erste Gefälligkeit gewährt dir jeder gern, die zweite ungern, die dritte gar nicht. – Die meisten verwechseln ihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe und geben Wunden der einen für Wunden der andern aus, und umgekehrt. – Was wir aus Menschenliebe vorhaben, würden wir allemal erreichen, wenn wir keinen Eigennutz einmischten. – Die Wärme eines Mannes wird von nichts leichter verkannt als von der Wärme eines Jünglings. – –
Die letzte Bemerkung, die sich vielleicht näher bezog, hatt’ er schon am Ufer der Insel in der Stellung des Abschieds gemacht, den er mit jener besonnenen Höflichkeit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hände und Arme führt.
Dritter Schaltta g
Wetterbeobachtungen über den Menschen
Da ich im vorigen Kapitel die Kernsprüche des Lords niederschrieb: so sah’ ich, daß mir selber eigne einfielen, die für Schalttage zu brauchen wären. Ich habe niemals eine Bemerkung allein gemacht, sondern allemal zwanzig, dreißig hintereinander – und gerade diese erste ist ein Beweis davon.
*
Wenn jemand bescheiden bleibt, nicht beim Lobe, sondern beim Tadel, dann ist ers.
*
Das Gespräch des Volks und noch mehr die Briefe der Mädchen haben einen eignen Wohlklang durch einen steten Wechsel mit langen und kurzen Silben (Trochäen oder Jamben).
*
Zwei Dinge vergisset ein Mädchen am leichtesten, erstlich wie sie aussieht – daher die Spiegel erfunden wurden –, und zweitens, worin sich das von daß unterscheidet. Ich besorg’ aber, daß sie den Unterschied, bloß um meinen Satz umzustoßen, von heute an behalten werden. Und dann geht mir einer von den beiden Probiersteinen verloren , an die ich bisher gelehrte Frauenzimmer strich – der zweite, den ich behalte, ist ihr linker Daumennagel, welchen das Federmesser zuweilen voll Narben geschnitten, aber selten, weil sie die Feder leichter führen als schneiden.
*
Einer, der viele Wohltaten empfangen, hört auf, sie zu zählen , und fängt an, sie zu wägen – als wärens Stimmen.
*
Die Versetzung in gute Charaktere tut einem Dichter und Schauspieler, der seinen behält, mehr Schaden als die Versetzung in schlimme. Ein Geistlicher, der noch dazu nur die erstere Versetzung frei hat, ist der moralischen Atonie mehr bloßgestellet als der Vers- und Rollenmacher, der eine heilige Rolle wieder durch eine unheilige gutzumachen vermag.
*
Die Leidenschaft
Weitere Kostenlose Bücher