Saemtliche Werke von Jean Paul
Eingänge, und neben einer Fichte, die alle Gipfel beherrschte, war eine höhere vom Sturm halb über das Wasser hereingedrückt, die sich über ihrem Grabe wiegte – weiße Säulen hoben in der Mitte der Insel einen griechischen Tempel unbeweglich über alle wankende Gipfel hinaus. – Zuweilen schien ein verirrter Ton durch das grüne Allerheiligste zu laufen – ein hohes schwarzes, an die Tannenspitzen reichendes Tor sah, mit einer weißen Sonnenscheibe bemalt, nach Osten und schien zum Menschen zu sagen: gehe durch mich, hier hat nicht nur der Schöpfer, auch dein Bruder gearbeitet! –
Diesem Tore gegenüber lag der 27ste Stein. Viktors Vater verrückte ihn, nahm einen Magnet heraus, bog sich nieder und hielt dessen südlichen Pol in die Lücke. Plötzlich fingen Maschinen an zu knarren und die Wellen an zu wirbeln – und aus dem Wasser stieg eine Brücke von Eisen auf. Viktors Seele war von Träumen und Erwartungen überfüllt. Er setzte schauernd hinter seinem Vater den Fuß in die magische Insel. Hier berührte sein Vater einen dünnen Stein mit dem nördlichen Ende des Magnets, und die Eisenbrücke fiel wieder hinunter. Ehe sie an das erhöhte Tor hintraten: drehte sich von innen ein Schlüssel um und sperrte auf, und die Türe klaffte. Der Lord schwieg. Auf seinem Gesicht war eine höhere Sonnenseele aufgegangen – man kannte ihn nicht mehr – er schien in den Genius dieses zauberischen Eilandes verwandelt zu sein.
Welche Szene! Sobald das Tor geöffnet war, lief durch alle Zweige ein harmonisches Hinüber- und Herübertönen – Lüfte flogen durch das Tor herein und sogen die Laute in sich und schwammen bebend damit weiter und ruhten nur auf gebognen Blüten aus. – Jeder Schritt machte einen großen düstern Schauplatz weiter. – Im Schauplatz lagen umher Marmorstücke, auf welche die Schmiedekohle Raffaels Gestalten gerissen hatte, eingesunkne Sphinxe, Landkartensteine, worauf die dunkle Natur kleine Ruinen und ertretene Städte geätzet hatte – und tiefe Öffnungen in der Erde, die nicht sowohl Gräber als Formen zu Glocken waren, die darin gegossen werden – dreißig giftvolle Eibenbäume standen von Rosen umflochten, gleichsam als wären sie Zeichen der dreißig wütend-leidenschaftlichen Jahre des Menschen – dreiundzwanzig Trauerbirken waren zu einem niedrigen Gebüsch zusammengebogen und ineinander gedrückt – in das Gebüsch liefen alle Steige der Insel – hinter dem Gebüsch verfinsterten neunfache Flöre in verschlungenen Wallungen den Blick nach dem hohen Tempel – durch die Flöre stiegen fünf Gewitterableiter in den Himmel auf, und ein Regenbogen aus zweien ineinander gekrümmten aufspringenden Wasserstrahlen schwebte flimmernd am Gezweige, und immer wölbten sich die zwei Strahlen herauf, und immer zersplitterten sie einander oben in der Berührung – –
Als Horion seinen Sohn, dessen Herz von lauter unsichtbaren Händen gefasset, erschreckt, gedrückt, entzündet, erkältet wurde, in das niedrige Birkengebüsch hineinzog: so begann die lallende Totenzunge eines Orgel-Tremulanten durch die öde Stille den Seufzer des Menschen anzureden, und der wankende Ton wand sich zu tief in ein weiches Herz. – Da standen beide an einem vom Gebüsche dunkel überbaueten Grabe – auf dem Grabe lag ein schwarzer Marmor, auf dem ein überschleiertes blutloses weißes Herz und die bleichen Worte standen: Es ruht . »Hier wurde«, sagte der Lord, »mein zweites Auge blind: Marys Sarg steht in diesem Grabe; als dieser aus England ankam in der Insel, entzündete sich das kranke Auge zu sehr und sah niemals wieder.« – Nie schauderte Viktor so: nie sah er auf einem Gesicht eine solche chaotische wechselnde Welt von fliehenden, kommenden, kämpfenden, vergehenden Empfindungen; nie starrte ein solches Eis der Stirne und Augen über krampfhaften Lippen – und ein Vater sah so aus, und ein Sohn empfand es nach.
»Ich bin unglücklich«, sagte langsam sein Vater; eine beißende bittere Träne brannte am Augapfel; er stockte ein wenig und stellte die fünf offnen Finger auf sein Herz, als wollt’ ers ergreifen und herausziehen, und blickte auf das steinerne blasse, als wollt’ er sagen: warum ruht meines nicht auch? – Der gute sterbende Viktor, zermalmet von liebendem Jammer, zerrinnend in Mitleid, wollte an den teuern verheerten Busen fallen und wollte mehr als den Seufzer sagen: »O Gott, mein guter Vater!« Aber der Lord hielt ihn sanft von sich ab, und die Gallenzähre wurde
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