Saemtliche Werke von Jean Paul
zurückhaltenden Feinheit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hände und die Arme führt: so drückte doch Viktor den kindlichen, von Seufzern und Gefühlen schwangern Busen an den väterlichen mit einer Heftigkeit, als wollt’ er sein verarmendes Herz zu den Tränen entzweipressen, die er immer heißer und größer zeigen mußte. Ach der Verlassene! Als die Brücke, welche die väterlichen und die kindlichen Tage auseinanderspaltete, aufgestiegen war, ging Viktor allein darüber, wankend und taub – und als sie ins Wasser wieder eingesunken und der Vater in die Insel verschwunden war, drückte ihn das Mitleiden auf das Ufer darnieder – und als er alle Tränen aus dem leidenden Herzen wie Pfeile gezogen hatte, verließ er langsam und träumend die stille Gegend der Rätsel und Schmerzen und den dunkeln Trauergarten der toten Mutter und des düstern Vaters, und seine ganze erschütterte Seele rief unaufhörlich: ach guter Vater, hoffe wenigstens und kehre wieder und verlaß mich nicht! –
Wir wollen jetzt alles, was in der bisherigen Geschichte Dunkelheiten machte, und was der Lord seinem Sohne aufhellte, uns auch aufklären. Man erinnert sich noch, daß zur Zeit, da er nach Frankreich abging, um die Kinder des Fürsten – den sogenannten Walliser, Brasilier und Asturier und den Monsieur – abzuholen, die finstere Nachricht ihrer Entführung einlief. Diese Entführung hatt’ er aber (das gestand er nun) selber veranstaltet, bloß das Verschwinden des Monsieur auf den sieben Inseln war ohne sein Wissen vorgefallen; und in seine Unwahrheit konnt’ er also einige Wahrheit als Mundleim mischen. Diese drei Kinder ließ er verborgen nach England bringen und sie in Eton zu Gelehrten und in London zu Semperfreien erziehen, um sie einmal ihrem Vater als blutverwandte Beistände seiner wankenden Regierung wiederzuschenken. Daher hatt’ er dem sogenannten Infanten (Flamin) Regierrat werden helfen. Sobald er einmal die ganze Kinderkolonie beisammen hat, so überrascht und beglückt er den Vater mit ihrer frohen Erscheinung. Den jetzt unsichtbaren Sohn des Kaplans, der Blattern und Blindheit vor dem Einschiffen bekam, verheimlicht er darum, weil sonst leicht zu erraten wäre, wem Flamin eigentlich angehöre.
Viktor fragte ihn, wie er den Fürsten von der Verwandtschaft mit vier oder fünf Unbekannten überführe. »Durch mein Wort«, versetzte Horion anfangs; dann fügte er die übrigen Beweismittel hinzu: bei Flamin das Zeugnis der mitkommenden Mutter (der Nichte), bei den übrigen ihre Ähnlichkeit mit ihren Abbildern, die er noch hat, und endlich das Muttermal eines Stettinerapfels.
Viktor hatt’ es schon lange von der Pfarrerin gehört, alle Söhne Jenners hätten ein gewisses Mutter- oder Vatermal auf dem linken Schulterblatt, das wie nichts aussähe, ausgenommen im Herbst, wenn die Stettiner reifen: da werd’ es auch rot und gleiche dem Urbild. – Dem Leser selber müssen aus den Jahrbüchern der kuriosen und gelehrten Gesellschaften ganze Fruchtkörbe voll Kirschen vorgekommen sein, deren Rötelzeichnung nur matt auf Kindern war, und die sich erst mit den reifenden Urbildern auf den Zweigen höher röteten. Wäre einem Bad-Gesellschafter von mir zu glauben, so hätt’ ich selber ein solches Stettiner Fruchtstück auf der Schulter hängen: die Sache ist nicht wahrscheinlich und nicht erheblich; inzwischen dürft’ ich doch im künftigen Herbste – denn ich setzte mirs einige Herbste vor, nun aber erinnert mich Knef mit seinem Hunde daran –, sobald die Stettiner zeitigen, einen Spiegel nehmen und mich von hinten besehen. – Und aus demselben Grunde schiebt diese Stettiner Fruchtschnur die Rückkehr des Lords, wenigstens die Übergabe und Erkennung der Kinder, auf die Herbstzeit ihrer Röte auf.
Ich mache mir kein Bedenken, hier ein satirische Note meines Korrespondenten zu übergeben. »Stellen Sie sich« (schreibt er) »bei dieser Nachricht, als täten Sie es auf mein Geheiß, und erzählen Sie des Lords Exposition und Offenbarung, wenn Sie sie einmal erzählet haben, Ihrem Leser ganz ruhig zum zweitenmal; damit er sie nicht vergißt oder verwirrt. Leser kann man nicht genug betrügen, und ein gescheiter Autor wird sie gern an seinem Arm in Mardereisen, Wolfgruben und Prellgarne geleiten.« Ich bekenn’ es, zu solchen Pfiffen hatt’ ich von jeher schlechten Ansatz – und bringt es überhaupt nicht mir und dem Leser mehr Ehre, wenn ers gleich aufs erstemal behält, daß Flamin
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