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Saemtliche Werke von Jean Paul

Saemtliche Werke von Jean Paul

Titel: Saemtliche Werke von Jean Paul Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jean Paul
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Jenners natürlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist – daß des Pfarrers seiner blind und nicht da ist – daß noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen Seestädten nachkommen – –, mehr Ehre, sag’ ich, als wenn ichs jetzt ihm zum zweiten Male (im Grunde wär’s zum dritten Male) vorkäuen müßte, daß Flamin Jenners natürlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist, daß des Pfarrers seiner blind und nicht da ist, und daß noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen Seestädten nachkommen? Ich frage.
    Der Lord hatte seinem Sohn den Eid des Schweigens gegen Flamin darum abgefodert, weil dieser aus Rechtschaffenheit alle Geheimnisse bewahrte, aber aus Zornhitze alle verriet – weil er in dieser seine Geburt geltend machen würde, bloß um sich mit einem Widersacher herumzuschießen – weil er noch morgen deswegen aus einem Vorfechter mit dem Themis-Schwerte ein Nachfechter mit dem Kriegsdegen werden könnte – und weil sich überhaupt ein Geheimnis gleich der Liebe noch besser unter zwei Teilnehmern befindet als unter dreien. Auch glaubte der Lord, aus einem Menschen, dem man Geld gäbe, damit er etwas würde, würde mehr als aus einem, der etwas wäre, weil er Geld hätte, und der die Münzen für seine Erbschaftwappen und nicht für ausgesetzte Preismedaillen künftiger Auflösungen ansähe.
    Nach allen diesen Eröffnungen machte der Lord unserem Viktor noch eine wichtige, auf die er in der übereiseten Laufbahn seines künftigen Hoflebens immer wie auf eine Warntafel zurückzublicken habe.
    Als der Lord vor dem Aschen-Hause seiner Geliebten erblindete, wurde seine ganze Korrespondenz mit England, mit der Nichte und mit den Lehrern der Fürstenkinder erschwert, wenigstens verändert. Er mußte sich die einlaufenden Briefe von einem Freunde vorlesen lassen, dem er trauen konnte; er konnt’ aber keinem trauen. Allein eine Freundin fand er aus, die den glänzenden Vorzug seines Vertrauens verdiente, und die niemand war als – Klotilde. Er, der seine Geheimnisse nicht wie ein Jüngling verschleuderte, durft’ es dennoch wagen, Klotilden in den Besitz seiner größten zu setzen und sie zur Buchhalterin und Vorleserin der Briefe ihrer Mutter zu machen, der sogenannten Nichte. Überhaupt hielt er die weibliche Verschwiegenheit für größer als unsere – wenigstens in wichtigen Dingen und in Sachen geliebter Männer. – – Aber man höre, was der Teufel im letzten Winter tat: mir ists bedenklich.
    Der Lord erhielt einen Brief von der Mutter Flamins, worin sie ihre alten Bitten um eine schnellere Erhebung des geliebten Kindes und die Fragen über sein Schicksal im Pfarrhaus wiederholte. Zum Glück machte gerade Klotilde einen Besuch in St. Lüne und ersparte ihm die Reise nach Maienthal. Er besuchte den Kammerherrn, um von seiner Vorleserin den Brief zu hören. Mit Mühe fand er im Zimmer Klotildens eine unbelauschte Stunde aus. Als er sie endlich hatte, und Klotilde den Brief verlas, wird diese durch die Stiefmutter von der Vorlesung weggerufen. Der Lord höret sie sogleich wiederkommen, den Brief nur dunkelmurmelnd überlesen und leise sagen, sie gehe wieder, komme aber gleich zurück. Nach einigen Minuten kömmt Klotilde, und da der Lord fragt, warum sie zum zweitenmal fortgegangen, streitet sie das zweite Gehen ab – der Lord beteuert – sie gleichfalls – endlich fällt Klotilde auf die bittere Vermutung, ob nicht Matthieu dagewesen und mit seiner Theaterkunst und Kehle, worin alle Menschenstimmen steckten, sie selber nachgespielt und travestieret habe, um unter ihrem Kreditiv den wichtigen Brief zu lesen. Ach es war zu viel für die Vermutung, und zu wenig dagegen! Zwar konnte Matthieu jetzt an Flamin, dessen akademische Laufbahn eben ausgelaufen war, die Oktoberprobe der Schulterdevise nicht vornehmen; aber er klebe sich doch (schien es nachher Klotilden und dem Lord) mit seinen Laubfroschfüßen an diese gute Seele an, und unter dem Deckmantel der Liebe gegen Agathe und gegen den Freund häng’ er seine Fäden aus, lasse sie vom Winde zwischen dem Fürstenschlosse und Pfarrhause aufspannen, spinne immer einen über den andern, bis endlich sein Vater, der Minister Schleunes, das rechte Netz zum Umwickeln des Fanges zusammengezwirnt hätte…. Ich gesteh’ es, durch diese Vermutung geht mir ein Licht über tausend Dinge auf. –
    Viktor erstaunte ärger als wir und schlug dem Lord vor, ob er nicht ohne Schaden seines Eides Klotilden seinen Eintritt in

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