Saemtliche Werke von Jean Paul
Wenn ich jetzt diesem geplagten Vieselbacher, dessen Herz doch schläft, so recht hineingehe ins zusammengeknitterte Gesicht voll Erde des Alters , mit dem fest an die obere Kinnlade heraufgestülpten Unterkinnbacken – in seine paar Haare, in die nicht Abendlüftchen geblasen haben, sondern reißende Stürme – in seine grauen Augenbraunen – in seinen leeren rechten Ärmel, wiewohl im linken auch nichts ist als ein Knochenpaar – in seine roten Augen, die er gewiß erst nach dem Tode und von keinen größern Stacheln holte als von Insektenstacheln – wenn ich das tue: so kann mich das wenig oder nicht trösten, daß der Tod schon alles gestillt hat, seine Augen und seine Wunden, sondern nur das, daß du, o großer guter Vater über uns, die schöne Einrichtung getroffen, daß uns angefallnen Menschen der zweite traurige Tag niemals so wehe tut als der erste traurige.
Ich sehe jetzt in eure Seele, Oberseeser: ihr wollt ihm gerne etwas geben; aber schauet auf zu den Sternen, er reicht seine Hand nicht droben herunter zu eurem Almosen und bedarf nichts mehr, keine Träne, keinen Leib nicht, diesen Sarg nicht. Aber er schickt seine Geschwister unter uns herum: o! wenn ihr in eurem Leben nur einen Bettler gesehen hättet: ihr würdet ihm alle geben und euch um ihn schlagen; anstatt daß ihr ihn jetzt selber schlagen lasset durch den Bettelvogt, weil es euch etwas Gewohntes ist.
Sinke aber endlich hinab in das breite Lager der Ruhe, auf dem so viele Tausende neben dir mit ganzen und mit abgefallnen, zerstäubten Rücken liegen! Unter diesen kleinen, grünen Häusern um uns wohnen nur Ruhige. – Du brauchtest keinen Abendsegen im Leben, weil dich die Nacht viel weniger anfiel als der Tag – und jetzt, da der schwere Tod sich über deine Augen und Ohren gelegt, hast du ihn noch weniger vonnöten. Gehe sanft auseinander, altes, gedrücktes, oft zerbrochnes Menschengerippe! Kein Kettenhund, kein Bettelvogt, kein wütiger Hunger erschrecken dich mehr und treiben dich auf. – Aber wenn du dich einst aufrichtest, so wird ein andrer Mond am Himmel stehen als jetzt, und deine freie, ewige Seele wird groß und reich unter alle Menschen treten und sie alle um nichts mehr bitten! – Ihr Lieben, wenn wir fortgehen, so legt sich der Tod stumm zu ihm hinein und nimmt ihm sanfter als den rechten Arm die übrigen Glieder ab, in denen noch alle unsre Schmerzen fortreißen. Aber wenn wir uns aus dieser stillen, ungezählten, unter dem Grün schlummernden Gesellschaft absondern und wieder näher in die frohen Töne treten, die wir jetzt schwächer in den Gottesacker herauf vernehmen und nach denen eure Söhne und Töchter um den kurzen Abend flattern; wenn wir von hier weg sind: so wollen wir doch an alles das denken, was wir hier entweder zurückgelassen – oder zugedeckt – oder angehört – oder bejammert – oder beschlossen haben. Amen! Und gute Nacht, alter Mann!« –
*
In wenig Minuten deckte ihn auf immer die Erde mit ihrem dunkeln, von Blumen durchwirkten Kleide zu. – Ich will den kleinen, leichten Rest der Geschichte den traurig-schönen Gefühlen guter Leser durch Verstummen opfern und schweigend mit meinem Buche von ihnen weggehen, damit ihr feuchtes Auge voll Träume noch einige Minuten auf dem letzten und tiefsten Schachte, worein unser armer Bergmann verschwand und dessen Auszimmerung und Grubenlichter und schimmernde Adern wir alle nicht kennen, suchend und sinnend ruhen bleibe, besonders da sie, wenn sie an dem, der jetzt fortgeht, oder an sich selber heruntersehen, an jenem und an sich den ganzen Berghabit zur Einfahrt schon erblicken….
Ende des ersten Teils
Biografi e
Bayreuth - hier lebte Jean Paul bis zu seinem Tod im Jahr 1825
JEAN PAUL von Walther Hari ch
Walther Harich wurde
1888 in
Mohrungen in Ostpreußen geboren. Er studierte Germanistik und Philosophie, und wurde
1914 in
Freiburg mit einer Arbeit über
E. T. A. Hoffmann zum Dr. Phil. promoviert. Er arbeitete als Schriftsteller und Literaturhistoriker. Harich verfasste die Biographien von E.T.A. Hoffmann und Jean Paul, und ist vor allem für seine 15-bändige Ausgabe der gesammelten Werke von E. T. A. Hoffmann bekannt. Er schrieb zudem 11 Romane (u.a. Ursula schwebt vorüber, Dorette lächelt ), die zwar zu seiner Zeit Beachtung fanden, heute jedoch nahezu vergessen sind. 1931, im Alter von 43 Jahren, verunglückte Harich tödlich beim Baden im Ruppinger See. Sein Sohn Wolfgang wurde als marxistischer Philosoph und
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