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Saemtliche Werke von Jean Paul

Saemtliche Werke von Jean Paul

Titel: Saemtliche Werke von Jean Paul Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jean Paul
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gedrängt, »gedichtet« das Leben. Und doch entlädt er seine Gesichte in sechs gigantischen Romanen und ihrem Bände erfüllenden Beiwerk. In zwei theoretischen Werken, über Dichtkunst und Erziehung, die beiden Leitpunkte seines Daseins. Und in unüberschaubaren Schriften satirischen, philosophischen, politischen Inhalts. Aber dies alles ist nur der empirische Leib seiner metaphysischen Schau, wie der Kandidat und spätere Legationsrat Richter nur die empirische Gestalt des metaphysischen Menschen Jean Paul ist. Dahinter steht die Welt und das Wesen, zur reinsten Form geläutert, unbelastet von bloßem Stoff und Ungeformtem. Eine Welt wie die empirische, aber notwendig und Geist geworden, verwandelt durch ein Herz, das durch Liebe und Kraft schöpferisch ward. Und doch wieder in den Leib der Sprache und der Gestalten eingegangen, daß man den metaphysischen Jean Paul nur begreift, wenn man den empirischen erfaßt hat.
    Unaufhaltsam wälzt sich der Strom seines Schaffens vorwärts, aber schließlich doch zu Einzelwerken gerinnend. Nicht ganz kann alles von den großen Abschnitten, als die seine einzelnen Werke sich darstellen, erfaßt werden. Unendliches Beiwerk säumt die Ufer. Aber das Werk ist die Form der dichterischen und geistigen Manifestation. Die einzelnen großen Werke werden deshalb im Vordergrund unsrer Darstellung stehen, und sie dürfen es, wenn wir wissen, daß sie das Letzte und Größte bei ihm, aber nicht alles sind.
    Ein unendlich mühsamer Prozeß ging voraus, ehe die Welt Jean Pauls sich zu ihrer Form, zum Werk, verdichtete. Den gleichen Weg muß die nachschaffende Darstellung zurückverfolgen. Es wäre leichter, wenn man allgemeine Kenntnis des Materials wenigstens in den Grundzügen voraussetzen dürfte. Wer aber weiß heute etwas von Jean Paul? Wer hat auch nur seine Hauptwerke gelesen, ja kennt auch nur ihre Titel? Sind doch sogar die meisten seiner Schriften nicht einmal im Buchhandel zu haben. Wir durften also nichts voraussetzen und müssen, unsre Darstellung belastend, Stoff sogar als Selbstzweck herantragen. Schon einmal, bei E. T. A. Hoffmann, leistete ich diese Kärrnerarbeit. Eine undankbare Aufgabe!
    Und allem widerstrebend, was unsre hoch entwickelte literarästhetische Methode endlich erobert hat. Fort von der Empirie zur Deutung des metaphysischen Phänomens! Aber die empirische Gestalt muß vorliegen, wenn man über sie hinaus will. Hier aber ist erst die Gestalt zu erobern, noch lange nicht »Literaturgeschichte als Problemgeschichte« zu schreiben. Der diese Forderung erhob, beschenkte uns mit dem ersten bedeutenden und tiefen Werk über Hamann, aber mit dem Ergebnis, daß Hamann heute genau so wenig im Bewußtsein der Zeit vorhanden ist wie vordem. Gundolf, Unger, Walzel, Korff und andere haben eine Höhe der reinen Anschauung erklommen, die sie den schöpferischen Geistern nähert. Sie sind in die Tiefe der Persönlichkeiten und der Dinge gedrungen und haben letzte Erkenntnis des Schöpferischen gegeben. Aber eines scheint dabei in Gefahr: das einmalige und ganz persönliche Erlebnis der einzelnen Dichter, ihre Gestalt. Das Schöpferische wird ins Typische projiziert, die bestimmten Umrisse verdämmern.
    Diltheys Typenlehre und Wölfflins Prinzipien stehen an den Toren der neuen Literaturgeschichtsschreibung. Nach der langweiligen Empirie der Scherer-Schmidtschen Schule eine ungeheure Bereicherung, Vordringen zum gesetzmäßig notwendigen Ablauf des Geschehens. Aber die unerhörte Einmaligkeit der Gestalt darf darüber nicht vergessen werden. Mag noch so Feines über den Wechsel der Stile, die Kategorien des Ästhetischen ermittelt werden, der Mensch bleibt dennoch Träger aller Stile und allen Erlebens. Nicht der empirische Mensch, aber doch der, dessen empirische Erscheinung Sinnbild metaphysischen Geschehens ist. Jedenfalls, wo Neuland angepflügt wird, mag die Gestalt in die erste Linie gerückt werden, die Gestalt des Menschen und seines Werkes.
    Aber Mensch und Werk stehen nicht für sich, sondern in einer Umwelt, die ihrer Erscheinung erst Sinn gibt. Die Methode der neueren Literaturgeschichtsschreibung ist von der Philosophie und der bildenden Kunst her beeinflußt worden. So wird der Dichter vorzugsweise in Stil- und Geistzusammenhänge hineingehoben. Das hat nicht nur Berechtigung, sondern auch Notwendigkeit, aber man scheint mir damit noch immer nicht seine Einmaligkeit erfassen zu können, sondern auch hier dem Typischen zuzudrängen. Stammeszugehörigkeit,

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