Saemtliche Werke von Jean Paul
Dissident der DDR bekannt.
Harich über Jean Paul:
„Er ist nicht irgendein großer Dichter, sondern wie eine Naturkraft, und er hat die Weite einer Welt.“
„Der Blickwinkel eines Käfers und die Weltschau eines Gottes sind ihm gleich vertraut.“
Walther Harich und Frau Anneliese Harich, 1931
,Jean Paul auf dem Totenbett‘, Zeichnung von Joseph Würzburger
Vorred e
Nach unfaßbaren Gesetzen tauchen von Zeit zu Zeit die Großen der Geschichte aus Dunkel und Vergessenheit wieder ans Licht. Das vorliegende Buch steht unter dem gleichen Gesetz, das Jean Paul jetzt, hundert Jahre nach seinem Tode, wieder in unser Gesichtsfeld rückt. Hundert Jahre würde es dauern, prophezeite der glühende Börne, bis »sein schleichend Volk« ihm nachgekommen ist. Heut ist es so weit. Die Erschütterungen des Weltkriegs und der Nachkriegsjahre haben den Boden gelockert. Wir sind bereit, Jean Paul zu empfangen.
Nachträglich ist es leicht erklärt, wie dieser große Dichter uns so lange entschwinden konnte. Von der größten Epoche deutscher Dichtung – viel größer als heute unsre Zünftigen ahnen – nahmen wir bisher nur auf, was durch Fleiß oder Intellekt überliefert werden kann. Untersank alles, zu dessen Aufnahme es eines aufgelockerten Menschentums bedarf. Untersank die seit Klopstock, in Hamann, Herder, Jean Paul nach einer deutschen Form suchende Bewegung. Das Feld beherrscht Goethe als Repräsentant einer im Persönlichkeitskultus hängenden Gesellschaftsschicht, und Kant, der den Mythos tötete. Persönlichkeit als Repräsentant formaler Bildung, Wissenschaft als logische Durchdringung der Welt. Der Zusammenbruch offenbarte, was uns fehlt: nicht Tüchtigkeit und Wissen, sondern Totalität und Herz. Jean Paul ist nur nachzuleben, nicht auf eine Formel zu bringen. So mußte er, wie die Träger des Mythos jener Zeiten, uns entschwinden. Die Formel vererbte sich auf Kind und Kindeskinder, das Wesen entzog sich uns. Es ist nicht lehr- und lernbar, durch keine Tüchtigkeit, nur durch umfassendes Menschentum zu umgreifen.
Jean Paul ist eine Welt. Wer ihr Zentrum nicht erfaßt, dem muß er überladen, zerstreut, barock erscheinen. Wer ihn begriffen hat, für den hat er den Formenreichtum der Gotik und das Allumfassende der Liebe. Er dient nicht seinem Werk, sondern seiner Sendung. Deshalb ist es schwerer, ihn zu lesen als einen Dichter, der nichts als sein Werk will. Er aber drückt sich selbst und sein Wesen, und damit das Wesen aller Dinge, im Werk aus. Es ist nur der Mittler zu seiner Welt voller Liebe und Geist. Aus unberührtem Neuland aufsteigend, durchdringt er die verschiedenen Schichten alten und neuen Bildungsgutes, die über Europa lagern. Wie ein Schwimmer stößt er ruckweise vorwärts, durch den Rationalismus, den Pietismus, durch Goethe und Schiller und die junge Romantik hindurch, um an allen diesen Stationen sich selbst zu verwirklichen. In ihm antwortet gewissermaßen die ewige Natur auf alle Fragen und Probleme des Geistes, und antwortet in unübersehbaren Bänden. Er ist nicht irgendein großer Dichter, sondern wie eine Naturkraft, und er hat die Weite einer Welt. Was uns heute aus der Exotik kommt und uns müde und überladene Europäer wie eine Offenbarung erschüttert, auch das liegt schon alles in ihm. Wie die Erde scheint er durch die Weisheit Laotses und die Stärke der Inder hindurchgegangen zu sein. Der Waldzauber Wolfram von Eschenbachs, seines Landsmanns, schwingt in ihm fort, und er lebt wie einer der Jünglinge der neuesten Jugendbewegung. Er hat die Kuriosa des Menschengeschlechts aus allen nur möglichen verschollenen Büchern und Urkunden aufgelesen; das Schrifttum aller Zeiten und Völker ist ihm vertraut, am vertrautesten aber die Urtatsachen des Lebens, Geburt und Tod, Liebe und Freundschaft. Er malt die Erschütterungen des ungeheuren Schmerzes und die Entzückungen sich umklammernder Seelen. Er führt die Beladenen und Verstoßenen an die auch für sie gedeckten Tafeln der kleinen Freuden. Er löst die Landschaft in kosmische Gewalten auf, und sieht die Menschheit wie einen Salpeter, der an verschimmelte Wände anschießt. Der Blickwinkel eines Käfers und die Weltschau eines Gottes sind ihm gleich vertraut.
Wie stellt sich das Werk Jean Pauls dar? Wenn man die Elemente dieses Werks auseinanderlegte, müßte man glauben, die Rudimente eines großen Lyrikers vor sich zu haben. Von solcher Intensität ist seine Sprache, von solcher Losgelöstheit sind seine Bilder, so
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