Saemtliche Werke von Jean Paul
deutlicher machen. Ich sagte darauf: »ich wär’ ein Schulmeisters-Sohn aus Sawolax, hätte mich aber durch außerordentliche Verdienste aufgeschwungen zu einer solchen Höhe, und daher hätt’ ich, wie jeder Schulmeister, einen besondern Hang zu Männern, wie der Herr Aktuarius juratus wäre, und zu Bräuten derselben, wie sie wäre.« Ich bauete dann in der Eile eine Ehrenpforte und Heroldskanzlei für Schnäzlern auf und sagte dann, ich würde mich schämen, sie zweier Worte gewürdigt zu haben, wenn sie gewiß den ausgeprügelten Ranzenadvokaten nähme. – Ich kam auf Schnäzlers Härung und insinuierte ihr, kein Kopf habe einen Zopf vonnöten als einer, der oben einen Federbusch trägt, ein Soldat nämlich, so wie bei den Römern alle Opfertiere einen langen Schwanz besitzen mußten: denn dieser Haarsperrstrick und Schwanzriemen soll’ es bloß dem nachsetzenden Feinde erschweren, einen militärischen Läufer oder Sturmläufer von hinten zu köpfen. Endlich führt’ ich den Beweis durch Zeugen und Urkunden am besten durch meinen eignen Kopf, den ich sie oben zu betrachten bat, weil nichts auf ihm ist. Ich sagte ihr, unter Leuten von Stande wären jetzt Haare ungewöhnlich, wenn nicht unschicklich, und Haarwuchs sei immer, man sage, was man will, ein umgekehrter Bart in aufsteigender und Seitenlinie.
Daran glaub’ ich aber noch jetzt. In unmännlichen Zeiten wie unsern sucht sich jeder von den Weibern wenigstens dadurch zu unterscheiden, daß er kahl wird, welches diese nicht vermögen. Ein verständiger Mann wählt aber, da die jesuitische Tonsurierung so sehr verschrien wird, lieber die griechische und beugt den Vermutungen der Berliner Monatsschrift vor; nur stößt er, wenn sonst die Ritter auf einmal den Vorderkopf beschoren, um nicht von Feinden daran gepackt zu werden, seine Haare – man solls weniger merken – einzeln ab und tut also das weg, womit ihn Feindinnen an sich ziehen könnten. Daher man auch in den höhern Ständen nicht eher heiratet, bis man kahl genug ist, und auf eines Weibes Haupt immer eine Glatze: die Weiber gleichen den Schäfern, die die Hammel und Schöpsen nicht eher kaufen – weil sonst nichts zu sehen ist – als gleich nach der – Schur.
Ich fuhr fort und zeigte, »wie ich den Kantor liebte, da ich Dinge für ihn unternähme, die ich nicht für meine Cousinen täte«. Ich ließ sie dann nicht lange in Sorgen, ob ich mich bedenken oder weigern würde, ihr – wiewohl drei Kammerherrnknöpfe und noch dreimal soviel Engelsköpfe an mir hingen – ihr, sobald ich damit Schnäzlers Glück zu machen wüßte, soviel als Kaufschilling zu geben auf ihre – Lippen, als recht und christlich wäre. Ich wußte, was ich sagte und wollte und daß ein Mann seine Gaben viel gescheuter für Geschenke als für Injurien ausgibt: ich tat ihr ein hohes Gebot von 10 Injurien ( Geschenken ). Sie schwieg betroffen und nötigte mich, da ich das Schweigen für ein höheres Darüberschlagen nehmen mußte, noch weiter hinaufzugehen. »Schönste Jungfer,« sagt’ ich, »ich verstehe mich endlich zur doppelten Summe, wenns Herrn Aktuarium juratum glücklich machen kann – Personen wie Ihr, Schönste, legt man ohnehin lieber den Mund als die Hand auf den Mund. Aber jetzt denke Sie nach – Großkreuze aus Schweden mit einer blauen Kugel sind rar, Evchen, und dergleichen kann eine Jungfer selten zum Munde führen – in der Stadt werden die vornehmsten Damen oft, Jungfer, von keinem Seraphinen-Ritter geküßt. – Ein Wort! ich biet’ Ihr jetzt, was Sie fodert – eingeschlagen!« Dieser Klimax machte sie ganz irre, und es war nicht sowohl das Wenigste, daß sie schwieg, als das Gescheuteste. »Noch das letzte! Ich glaube, Sie ist christlich und ehrlich und übersetzt keinen Seraphinen-Ritter: hier will ich Ihr auf Ihre Rechtschaffenheit vorausbezahlen und nicht einmal unterdessen zählen.« Ich hielt Wort und zählte nicht. »Ach!« sagte sie darauf; und dieses weibliche Ach ist so schön, daß es viele verleitet, das Zählen von neuem zu vergessen. Ich schlug ihr nun vor, mit mir auf den Kirchhof zu ziehen, wo der Aktuarius sein müsse. Nach einem solchen Ach bewilligt jede gute Miß nichts lieber als etwas Kleineres, eine Begleitung nach dem Kirchhof. Es war damals nur Zufall, was hätte bewußte Absicht sein sollen, daß ich auf ihr ja für Schnäzlern nicht schärfer drang: man muß diesen Holden immer ihr mattes Ja, Nein – ihr chiaroscuro – lassen, und wer von ihnen eine bestimmte
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