Schattenwandler 01. Jacob
nicht vorgestellt. Er wollte nicht, dass sie sich gezwungen fühlte, bei ihm zu bleiben, und das lastete ihm schwer auf der Seele.
„Isabella“, flüsterte er zerknirscht.
Sie sah zu ihm auf, und ihre schönen veilchenfarbenen Augen wirkten so groß, so verletzlich und so verloren.
„Ich weiß, wie du denkst, Vollstrecker. Such nicht nach einem neuen Grund, um dich zu bestrafen.“ Sie schob ihr unglaublich schönes Haar aus der Stirn und lächelte ihm matt zu. „Du suchst dir immer die seltsamsten Zeiten aus, um dich aus meinen Gedanken herauszuhalten. Wärst du jetzt in meinem Geist, dann wüsstest du, dass ich dich für gar nichts verantwortlich mache.“
„Aber du kannst doch gar nicht anders! Wenn wir uns nie kennengelernt hätten …“
„Wenn wir uns nie kennengelernt hätten“, unterbrach sie ihn, „hätte ich nur halb gelebt. Jacob, was lasse ich denn schon zurück?“ Sie reckte sich, kroch vom Bett und kam zu ihm. Ihre Nähe beruhigte ihn sofort und erfüllte ihn mit einem Frieden, der im Widerspruch zu seinen aufgewühlten Gedanken stand.
„Mein ganzes Leben lang habe ich nie dazugehört. Ich war ein Außenseiter, Jacob. Ich war sehr einsam, wenn man von meiner Schwester und ein paar Freunden absieht. In der Nacht, als wir uns begegnet sind, habe ich den Mond angeschaut, wie so oft. Und schon da habe ich gewusst, dass es etwas auf sich hatte damit und dass ich in dieser Nacht Geheimnisse erfahren würde, die für mich wichtig sind. Ich habe jahrelang Bücher verschlungen, weil ich Informationen gesucht habe. Ich denke, es waren genau diese Antworten, die ich die ganze Zeit gesucht habe. Ich denke, du bist genau der, nach dem ich mich immer gesehnt habe, Jacob.“
„Ich frage mich nur, ob du genauso empfinden würdest, wenn du eine Wahl hättest“, entgegnete er etwas steif.
„Ich habe doch eine Wahl.“ Sie nahm seine Hand. „Ich könnte dorthin zurückgehen, wo ich hergekommen bin, und langsam verkümmern. Und das hätte absolut nichts damit zu tun, dass mir irgendeine notwendige Energie vorenthalten wird, Jacob. Und dann all die anderen Dinge, die ich endlich mit dir zusammen entdeckt habe. Hast du auch nur die leiseste Ahnung, was für ein Geschenk du für mein Leben bist?“
Wenn sie dasselbe für ihn empfand wie er für sie, dann wusste er, wie tief ihre Gefühle waren.
„So ist es, Jacob“, stimmte sie ihm sanft zu. „Alles im Leben ist Teil eines großen Plans. Doch niemand kennt ihn, bis es so weit ist.“
„Ich habe immer gedacht, das Schicksal würde uns unseren freien Willen lassen, Bella. Dass wir alle eine Wahl haben.“ Er hielt einen Moment inne und spielte mit ihren zarten Fingern, hob sie an seine Lippen und küsste sie. „Ja, ich glaube an das Schicksal, aber … ich wollte, dass du zu mir kommst, weil du es willst, und nicht, weil du es musst.“
„Jacob, du hörst mir nicht zu.“
„Doch, das tue ich! Und ich glaube nicht, dass du weißt, was du redest. Wie solltest du auch, nach allem, was mit dir passiert ist?“
Sie entriss ihm ihre Hand, ballte sie zur Faust und stemmte sie in die Hüfte. „Ich bin eine erwachsene Frau mit einer eigenen Meinung, Jacob. Du rechnest immer noch damit, dass mich das alles ankotzt, dass ich mich in der Falle fühle. Und wenn das dann nicht so ist, bist du irgendwie enttäuscht und legst es darauf an, dass es doch so weit kommt! Vielleicht habe gar nicht ich ein Problem, damit klarzukommen, Vollstrecker. Ich fange langsam an zu glauben, dass du nichts zu tun haben willst mit den Folgen, die es hat, dass ich hier bin.“
„Das ist nicht wahr!“
„Dann beweis es mir. Nicht mit deinen Gedanken, sondern mit dem, was du tust, und mit dem, was du sagst. Sag mir, dass du mich hierhaben willst. Sag mir, dass du dein Leben mit mir teilen willst, so wie ich mein Leben mit dir teilen will.“ Ihre Stimme bebte, und Jacob fühlte ihren Schmerz wie kleine Nadelstiche auf der Haut. „Sag mir, dass ich nicht die Einzige bin, die gerade erfährt, was es heißt, jemanden so zu lieben, dass man sich endlich vollständig fühlt!“
Jacob verschlug es eine ganze Weile lang die Sprache, und seine großen dunklen Augen weiteten sich, als es ihm langsam bewusst wurde. Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß und nahm jedes Detail in sich auf, und ihm wurde klar, dass es nichts an ihr gab, was er nicht anbetungswürdig fand. Schon lange vor dieser Auseinandersetzung hatte er das gewusst. Wahrscheinlich hatte er sich schon in sie verliebt,
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