SdG 05 - Der Tag des Sehers
eingefügte Pflastersteine auf einem großen Platz. Es wehte kein Wind, der die langen, zerzausten Haarsträhnen bewegt hätte, die unter den Schädelhelmen heraushingen, und das Sonnenlicht konnte die Schatten unter den Helmrändern nicht vertreiben, in denen sich die Augenhöhlen verbargen. Aber alle Blicke waren auf Silberfuchs gerichtet, und in diesen Blicken lag ein fast schon spürbares, gewaltiges Gewicht.
Innerhalb von einem Dutzend Herzschlägen war die Ebene ringsum verschwunden. An ihrer Stelle standen jetzt T’lan Imass, zu Zehntausenden, stumm und reglos.
Die T’lan Ay waren nicht mehr zu sehen; sie strichen an den äußersten Rändern der versammelten Legionen entlang. Sie waren Wächter. Und Verwandte, dem Vermummten verschworen.
Silberfuchs drehte sich zu den T’lan Imass um.
Stille.
Kruppe schauderte. In der Luft lag der scharfe Geruch von etwas Untotem, die eisige Ausdünstung von sterbendem Eis – und ein Gefühl des Verlusts.
Verzweiflung. Oder nach dieser scheinbaren Ewigkeit vielleicht nur noch ihre Asche.
Überall um uns herum steht nun uraltes Wissen – das kann man nicht leugnen. Aber Kruppe fragt sich, gibt es da auch Erinnerungen? Wahre Erinnerungen? An belebtes Fleisch und das sanfte Liebkosen des Windes, an das Lachen von Kindern? Erinnerungen an Liebe?
Was kann von menschlichen Gefühlen noch übrig bleiben, wenn man eingefroren ist zwischen Leben und Tod, im eiskalten Dazwischen? Nicht einmal ein Echo. Nur Erinnerungen an Eis, an Eis und an nichts weiter als das. Ihr Götter hienieden … welch ein Kummer …
Gestalten kamen den Hang vor Silberfuchs herauf. Unbewaffnet, in die Felle uralter, längst ausgestorbener Tiere gehüllt. Kruppes Blick heftete sich besonders auf einen, einen breitschultrigen Knochenwerfer, der eine mit einem Geweih versehene flache Kappe und den fleckigen Pelz eines Polarfuchses trug. Der Daru stellte erschrocken fest, dass er diesen Mann kannte.
Oh, so treffen wir uns also wieder, Pran Chole. Vergib mir, doch dein Anblick – der Anblick dessen, was aus dir geworden ist – bricht mir das Herz.
Der Knochenwerfer mit dem Geweih war der Erste, der das Wort an Silberfuchs richtete. »Wir sind«, sagte er, »zur Zweiten Zusammenkunft gekommen.«
»Ihr seid«, erwiderte Silberfuchs mit rauer Stimme, »auf meine Beschwörung hin gekommen.«
Der Knochenwerfer neigte langsam den Kopf. »Was du bist, wurde vor langer Zeit geschaffen, angeleitet von der Hand eines Älteren Gottes. Doch in seinem Herzen war er Imass. Alles, was nun folgt, ist seit dem Augenblick deiner Geburt in deinem Blut geflossen. Wir haben lange gewartet, Beschwörerin. Ich bin Pran Chole, von den Kron T’lan Imass. Ich habe zusammen mit K’rul deiner Geburt beigewohnt.«
Das Lächeln, das Silberfuchs zur Antwort aufsetzte, war bitter. »Bist du dann also mein Vater, Pran Chole? Wenn dem so ist, dann kommt diese Wiedervereinigung viel zu spät, für uns beide.«
Verzweiflung wallte in Kruppe auf. Dies war alter Zorn, der viel zu lange unterdrückt worden war und jetzt die Luft eisig und spröde machte.
Ein schrecklicher Wortwechsel, wenn man bedachte, dass es die ersten Worte der Zweiten Zusammenkunft waren.
Pran Chole schien bei ihren Worten zusammenzusinken. Sein vertrocknetes Gesicht senkte sich, als würde der Knochenwerfer von Scham überwältigt.
Nein, Silberfuchs, wie konntest du so etwas tun?
»Wo du hingegangen bist, Tochter«, flüsterte Pran Chole, »konnte ich dir nicht folgen.«
»Das ist wahr«, schnappte sie. »Schließlich hat ein Schwur auf dich gewartet. Ein Ritual. Das Ritual … das eure Herzen in Asche verwandelt hat. Und alles nur für einen Krieg. Aber darum geht es im Krieg immer, nicht wahr? Darum, etwas aufzugeben. Das Heim aufzugeben. Die, die man liebt, aufzugeben – ja, in der Tat, die Fähigkeit zu lieben an sich. Ihr habt euch dafür entschieden, all das aufzugeben. Ihr habt alles aufgegeben. Ihr habt – « Sie verstummte plötzlich.
Kruppe schloss einen Moment die Augen, so dass er ihren Satz im Stillen vollenden konnte. Ihr habt … mich aufgegeben.
Pran Chole hielt den Kopf noch immer gesenkt. Schließlich hob er ihn ein wenig. »Beschwörerin, was sollen wir für dich tun?«
»Dazu kommen wir noch früh genug.«
Dann trat ein anderer Knochenwerfer vor. Das verrottete Fell eines großen braunen Bären hing um seine Schultern, und es schien, als hätte das Tier selbst sich hinter seinen im Schatten liegenden Augen aufgerichtet. »Ich
Weitere Kostenlose Bücher