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SdG 05 - Der Tag des Sehers

SdG 05 - Der Tag des Sehers

Titel: SdG 05 - Der Tag des Sehers Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Steve Erikson
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Geste der Buße. Darauf kann ich nicht anders als mit Güte antworten, Rath’Fener. Also … nehme ich Eure Schmerzen auf mich, mein Herr. Nein, wehrt Euch nicht gegen dieses Geschenk. Ich befreie Eure Seele, damit sie zum Vermummten gehen kann, in den Trost des Todes -
    Paran und die anderen sahen nur den Schild-Amboss, der reglos dastand, Rath’Fener in den Armen. Der verstümmelte, blutüberströmte Priester kämpfte noch einen Augenblick, dann schien er innerlich zusammenzubrechen, und seine Schreie verstummten.
    Das Leben des Mannes entfaltete sich vor Itkovians geistigem Auge. Vor ihm lag der Pfad, der den Priester zum Verrat geführt hatte. Er sah einen jungen Akolythen mit reinem Herzen, der auf grausame Weise nicht in Pietät und Glauben unterrichtet worden war, sondern dem zynische Lektionen in weltlichen Machtkämpfen erteilt worden waren. Regierung und Verwaltung waren Schlangennester, in denen ein unaufhörlicher Wettkampf mit illusorischen Belohnungen zwischen minderen, kleinlichen Geistern stattfand. Ein Leben in den kalten Hallen des Knechts, das die Seele des Priesters ausgehöhlt hatte. Das Ich füllte die neue Höhlung des verlorenen Glaubens, umgeben von Furcht und Eifersucht, auf die boshafte Taten die einzige Antwort waren. Die Notwendigkeit, sich zu schützen, machte jede Tugend zu einer Ware, mit der man handeln konnte.
    Itkovian verstand ihn, er konnte jeden Schritt erkennen, der unausweichlich zum Verrat geführt hatte, zum Handel mit dem Leben anderer zwischen dem Priester und Agenten der Pannionischen Domäne. Dabei hatte Rath’Fener tief in seinem Innern immer gewusst, dass er durch diese Tat eine Viper um sich geschlungen hatte, deren Kuss tödlich war. Er war so oder so tot, doch er hatte sich zu weit von seinem Glauben entfernt, zu weit, um sich vorstellen zu können, dass er eines Tages zu ihm zurückkehren könnte.
    Ich verstehe Euch jetzt, Rath’Fener, aber Verständnis ist nicht gleichbedeutend mit Absolution. Die Gerechtigkeit, die Eure Strafe ist, wankt niemals. Aus diesem Grunde musstet Ihr die Schmerzen erfahren.
    Ja, Fener hätte Euch erwarten sollen; unser Gott hätte Eure abgetrennten Hände annehmen sollen, so dass er nach Eurem Tode auf Euch hätte schauen können, so dass er die Worte hätte sprechen können, die für Euch und nur für Euch allein vorbereitet sind – die Worte auf Eurer Haut. Die letzte Buße für Eure Verbrechen. So hätte es sein sollen, mein Herr.
    Aber Fener ist fort.
    Und was jetzt von Euch Besitz ergriffen hat … hat andere Begierden.
    Ich mache ihm jetzt diesen Besitz streitig -
    Rath’Feners Seele schrie auf, versuchte noch einmal, sich davonzustehlen, brachte trotz des Aufruhrs Worte heraus: Itkovian! Das dürft Ihr nicht tun! Überlasst mich meinem Schicksal, ich bitte Euch. Nicht um den Preis Eurer Seele – ich wollte nie – bitte, Itkovian-
    Der Schild-Amboss schloss seine geistige Umarmung enger, durchbrach die letzten Barrieren. Niemandem wird sein Kummer versagt, mein Herr, nicht einmal Euch.
    Aber Barrieren, die einmal gefallen waren, konnten sich nicht aussuchen, was durch sie hindurchgelangte.
    Der Sturm, der Itkovian traf, überwältigte ihn. Ein Schmerz, der so heftig war, dass er zu einer abstrakten Macht wurde, einer lebenden Entität, die ihrerseits voller Panik und Entsetzen war. Er öffnete sich ihr, ließ sich von ihren Schreien erfüllen.
    Wenn auf einem Schlachtfeld das letzte Herz zu schlagen aufgehört hat, bleibt nur der Schmerz zurück. Eingeschlossen in den Boden, in Stein, überbrückt er die Luft von einem Ort zu jedem anderen, ein Netz der Erinnerungen, das zu einem stummen Lied zittert. Doch in Itkovians Fall schlug sein Eid das Geschenk der Stille aus. Er konnte jenes Lied hören. Es erfüllte ihn ganz und gar. Und er war sein Gegenstück. Die Antwort.
    Ich habe Euch jetzt, Rath ’Fener. Ihr seid gefunden, und so … antworte ich.
    Plötzlich, jenseits der Schmerzen, ein wechselseitiges Bewusstsein – eine fremde Präsenz. Unermessliche Macht. Nicht bösartig, doch zutiefst … anders. Und von jener Präsenz: sturmzerrissene Verwirrung, Pein. Sie versuchte, aus dem unerwarteten Geschenk der beiden Hände eines Sterblichen … etwas Schönes zu machen. Doch das Fleisch jenes Mannes konnte das Geschenk nicht ertragen.
    Grauen im Innern des Sturms. Grauen und … Kummer.
    Oh, selbst Götter weinen. Dann vertraut Euch meinem Geist an. Ich werde auch Eure Schmerzen auf mich nehmen, mein Herr.
    Die fremde

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