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SdG 05 - Der Tag des Sehers

SdG 05 - Der Tag des Sehers

Titel: SdG 05 - Der Tag des Sehers Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Steve Erikson
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Präsenz schreckte zurück, aber es war zu spät. Itkovians Umarmung bot ihr ein unermessliches Geschenk - und er wurde überflutet. Er spürte, wie seine Seele sich auflöste, zerrissen wurde – es ist zu gewaltig!
    Wärme war hinter den kalten Gesichtern der Götter. Doch es war Leid in der Dunkelheit, denn es waren nicht die Götter selbst, die unergründlich waren. Es waren die Sterblichen. Und die Götter – sie bezahlten einfach.
    Wir – wir sind das Gerüst, über das sie gespannt sind.
    Und dann war das Gefühl verschwunden, als es dem fremdartigen Gott gelang, sich zurückzuziehen und Itkovian mit den verblassenden Echos des Kummers einer fernen Welt zurückzulassen – einer Welt mit ihren eigenen Gräueltaten, Schicht um Schicht im Verlauf einer langen, qualvollen Geschichte aufgehäuft. Die Echos verblassten – und dann waren sie fort.
    Und er blieb zurück, mit Wissen, das ihm das Herz zerriss.
    Es war nur eine kleine Gnade. Er krümmte sich unter Rath’Feners Schmerz und dem wachsenden Heranfluten von Capustans entsetzlichem Untergang, als er gezwungen wurde, seine Umarmung immer weiter zu öffnen. Laut schreiende Seelen an allen Seiten, keine einzige Lebensgeschichte nicht der Beachtung, der Anerkennung wert. Nicht eine, die er abweisen würde. Zehntausende von Seelen, Leben voller Schmerz, Verlust, Liebe und Unglück, und jedes führte zu – jedes mit Erinnerungen an den eigenen Todeskampf. Eisen und Feuer und Rauch und herabfallende Steine. Staub und Luftlosigkeit. Erinnerungen an das jämmerliche, sinnlose Ende Tausender und Abertausender von Leben.
    Ich muss büßen. Ich muss die Antwort geben. Auf jeden Tod. Jeden einzelnen Tod.
    Er war verloren inmitten des Sturms, war unfähig, seine Umarmung um die schier unermessliche Menge an Leid zu schließen, die auf ihn einströmte. Doch er kämpfte weiter. Das Geschenk des Friedens. Das Abstreifen des Traumas, das durch den Schmerz verursacht worden war, um die Seelen zu befreien, damit sie ihren Weg finden konnten … zu den Füßen zahlloser Götter oder in die Sphäre des Vermummten oder tatsächlich in den Abgrund selbst. Diese Reisen waren notwendig, um Seelen zu befreien, die in ihrem eigenen qualvollen Todeskampf gefangen waren.
    Ich bin der … Schild-Amboss. Und es ist meine Aufgabe, auszuhalten … auszuhalten. Dehne dich aus – bei den Göttern! Erlöse sie, mein Herr! Das ist deine Aufgabe. Das Herz deiner Eide – du bist derjenige, der zwischen den Toten auf dem Schlachtfeld einhergeht, du bist derjenige, der den Frieden bringt, du bist derjenige, der die Gefallenen erlöst. Du bist derjenige, der die zerbrochenen Leben heilt. Ohne dich ist der Tod sinnlos, und zu leugnen, dass sie eine Bedeutung haben, ist das größte Verbrechen der Welt an ihren eigenen Kindern. Halte aus, Itkovian … halte aus -
    Aber er hatte keinen Gott mehr, an den er sich anlehnen konnte, keine starke, unbeirrbare Präsenz, die auf ihn wartete, um seiner eigenen Not zu antworten. Und er war nichts weiter als eine sterbliche Seele …
    Und doch darf ich nicht aufgeben. Ihr Götter, hört mich an! Ich mag vielleicht nicht Euer sein. Aber Eure gefallenen Kinder sind meine Kinder. Seht also, was sich hinter meinem kalten Gesicht verbirgt. Seht!
    Auf dem Platz, inmitten einer schrecklichen Stille, sähen Paran und die anderen zu, wie Itkovian langsam auf die Knie sank. Ein verwesender, toter Kadaver hing in seinen Armen. Die einsame, kniende Gestalt schien in den Augen des Hauptmanns die Erschöpfung der ganzen Welt zu umfassen, ein Bild, das sich in seinen Geist brannte – und eines, von dem er wusste, dass er es niemals wieder vergessen würde.
    Von den Kämpfen – den Kriegen –, die sich immer noch im Innern des Schild-Amboss abspielten, war kaum etwas zu bemerken. Nach einem langen, langen Augenblick griff Itkovian mit einer Hand nach oben, um den Helmriemen zu lösen, nahm dann den Helm ab und enthüllte die von Schweißflecken übersäte Lederkappe darunter. Seine langen, schweißnassen Haare, die ihm an Kopf und Hals klebten, verbargen sein Gesicht, während er mit geneigtem Haupt auf dem Boden kniete und der Kadaver in seinen Armen zu fahler Asche zerfiel. Der Schild-Amboss rührte sich nicht.
    Das ungleichmäßige Heben und Senken wurde langsamer.
    Geriet aus dem Takt.
    Hörte schließlich ganz auf.
    Hauptmann Paran, dem das Herz laut in der Brust hämmerte, schoss zu ihm, packte Itkovian an der Schulter und schüttelte ihn. »Nein, verdammt noch

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