Shardik
eines der inselähnlichen Vorsprünge und sah unter sich einen Teich an der Mündung eines Baches. Er kletterte über die Böschung nach unten, kniete zwischen den Steinen nieder, um zu trinken, und sah, als er den Kopf hob, knapp vor sich, wenige Meter weit auf dem gegenüberliegenden schlammigen Bachufer Bärenspuren, klar wie ein Siegel auf Wachs. Er sah sich um – sicher war dies die Stelle, von der die Fischer gesprochen hatten. Es war sichtlich eine regelmäßig benutzte Tränke, so unverkennbar vom Bären gezeichnet, daß es ein Kind erkannt hätte; und er war bestimmt irgendwann seit dem Vortag dort gewesen.
Die Spuren erblickt zu haben, bevor die eigenen Füße sich im Schlamm abgedrückt hatten, war ein Glücksfall, der es zu einer bloßen Geduldfrage machen sollte, den Bären selbst zu Gesicht zu bekommen. Er brauchte dafür nur ein sicheres Versteck, von dem aus er beobachten konnte. Er watete durch das Seichtwasser zurück zur nächsten Bucht, einen Steinwurf von dem Teich entfernt, wo er sich zum Trinken hingekniet hatte. Von da stieg er auf den Vorsprung zu dem Ollacondabaum, vergewisserte sich, daß er das Bachufer beobachten konnte, und legte sich unter den Wurzeln hin, um zu warten. Der Wind wehte, wie der Dorfälteste gesagt hatte, aus Norden, der Wald zu seiner Linken war so dicht, daß nichts herankommen konnte, ohne daß er es hören würde; und als letzten Ausweg könnte er sich in den Fluß retten. Hier war er so sicher, wie es sich billigerweise erhoffen ließ.
Langsam verstrich die Zeit, die Wolken zogen dahin, und er überlegte beim Summen der Insekten, den plötzlichen schrillen Rufen und dem Vorbeitrippeln der Wasservögel am Fluß, wie sich das Töten Shardiks bewerkstelligen ließe. Wenn er recht hatte und es eine Tränke war, zu welcher der Bär regelmäßig zurückkehrte, mußte sie ihm eine gute Gelegenheit bieten. Er hatte sich noch nie am Erlegen eines Bären beteiligt und auch mit Ausnahme des Adeligen, von dem Bel-ka-Trazet erzählt hatte, noch nie von jemandem gehört, der es versucht hätte. Ein einziger Bogenschuß schien doch zu gefährlich und zu unsicher. Wie immer sich der Beklaner das vor dreißig Jahren vorgestellt haben mochte, er jedenfalls glaubte nicht, daß man einen Bären allein damit mit Sicherheit töten könne. Mit Gift ließe es sich vielleicht machen, aber er hatte keines. Irgendeine Art von Falle zu bauen, kam nicht in Frage. Je mehr er über seine Schwierigkeiten nachdachte, desto klarer wurde ihm, daß das Unternehmen erfolglos bleiben mußte, es sei denn, des Bären Wachsamkeit und Kraft wären so gering geworden, daß er hoffen konnte, ihn mit einer Schlinge lange genug festzuhalten, um ihn mit mehreren Pfeilen zu durchbohren. Wie aber konnte man einen Bären mit der Schlinge fangen? Es gingen ihm andere, bizarre Einfälle durch den Kopf – Giftschlangen zu fangen und sie irgendwie aus einem Sack von oben auf den Bären fallen zu lassen, während er an der Tränke seinen Durst stillte, oder einen schweren Speer aufzuhängen. Ungeduldig unterbrach er seine Gedanken – diese kindischen Pläne waren unausführbar. Im Augenblick konnte er nichts anderes tun, als auf den Bären zu warten, dessen Zustand und Verhalten beobachten und sehen, ob sich irgendein neuer Plan fassen ließe.
Etwa drei Stunden später hatte er in seiner Wachsamkeit schon ein wenig nachgelassen, die schweißbedeckte Stirn auf den Unterarm gelegt und fragte sich, die Augen zum Schutz gegen das Schimmern des Flusses geschlossen, wie Ankray sich weiteren Proviant beschaffen würde, wenn die Vorräte im Haus zur Neige gingen, da hörte er, wie ein Geschöpf durch das Unterholz auf der anderen Seite des Bachs herankam. Im nächsten Augenblick – so still und rasch können sich die verhängnisvollsten und lang erwarteten Ereignisse verwirklichen – stand Shardik geduckt vor ihm am Teichufer.
Wenn der Krieg über ein Bauerngut oder einen Landsitz hinweggegangen und weitergezogen ist, kommt die Zeit, da Dorfbewohner oder Nachbarn, die in Furcht geraten sind, weil sie die Insassen nicht mehr gesehen haben, zu dem Haus gehen. Auf dem Weg über die geschwärzten Felder oder den Pfad hinauf sehen sie sich in der unnatürlichen Stille um. Da sie keinen Rauch bemerken und ihre Rufe unbeantwortet bleiben, fürchten sie bald das Schlimmste, weisen wortlos auf die Schuppen mit ihren freiliegenden, vom Stroh entblößten Dachsparren. Sie beginnen zu suchen, und auf den plötzlichen Aufschrei
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