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Shardik

Titel: Shardik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Adams
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Vielleicht wenn die Bestie fortginge oder gar stürbe – « Er verstummte, blickte zu Boden und schüttelte den Kopf. Nach kurzer Pause sprach er weiter: »Ich dachte, wir könnten im Hochsommer – in der Hitze – vielleicht den Wald in Brand stecken, aber das wäre gefährlich. Der Wind – oftmals weht der Wind von Norden.« Er brach wieder ab und fügte dann hinzu: »Linsho – ihr wollt nach Linsho gehen? In Linsho läßt man diejenigen durch, die zahlen können. Davon leben die Bewohner.« Sein Ton war nicht ohne Neid.
    »Wie steht es mit dem Überqueren des Flusses?« fragte Kelderek, aber das Dorfoberhaupt schüttelte nur wieder den Kopf. »Ein öder Ort – Raub und Mord – « Plötzlich bückte er auf, sein Auge blitzte wie der hinter Wolken hervorkommende Mond. »Wenn wir anfingen, Menschen über den Fluß zu setzen, würde das in Zeray bekannt werden.« Und er goß die Rückstände seines Weins auf den schmutzigen Boden.
    Während Kelderek vor Sonnenaufgang wach lag (und sich so behend kratzte wie der Dorfälteste), fiel ihm das verzweifelte und geheime Projekt ein. Wenn Melathys jemals sein und nur sein werden sollte, mußte Shardik sterben. Wollte er einfach darauf warten, daß Shardik stürbe, war es sehr wohl möglich, daß Melathys vorher starb. Shardiks Tod mußte bekannt werden – die Nachricht mußte nach Zeray gelangen –, aber es durfte nicht bekannt werden, daß er einen gewaltsamen Tod erlitten hatte. Nur der Dorfälteste durfte ins Vertrauen gezogen werden, bevor Shardik getötet wurde. Für ihn würde die Geheimhaltung Bedingung sein, und Kelderek würde als Lohn für den Beweis seines Erfolgs eine Eskorte nach Linsho für ihn, die zwei Frauen und ihren Diener verlangen sowie die nötige Hilfe bei der Bezahlung ihrer Überquerung des Durchlasses bei Linsho.
    Wenige Stunden später machte er sich, immer noch über seinem Plan brütend und ohne zu sagen, wohin er ging, auf den Weg nach Norden den Fluß entlang. Er mußte die Spuren, die Shardik vielleicht hinterlassen hatte, ohne einen Führer finden. Ihn zu töten wäre, wenn es überhaupt möglich war, eine äußerst schwierige und gefährliche Aufgabe, die man ohne Kenntnis des Waldes und der bei seinem Kommen und Gehen bei Lak besuchten Orte nicht versuchen konnte. Als Kelderek zu der ersten Bucht zwischen den inselartigen Hügelchen kam, begann er, sorgfältig nach Spuren, Dung und anderen Zeichen von Shardiks Gegenwart zu suchen.
    Nicht daß er im weiteren Verlauf des einsamen Morgens auch nur einen Augenblick frei gewesen wäre von einer wachsenden, bedrückenden Furcht und Scheu: die Furcht führte ihm seine von den mächtigen Bärenklauen zerfetzte, blutende und verstümmelte Leiche deutlich vor Augen, die Scheu enthüllte zwar nichts, hing jedoch wie ein Nebel am Rand seiner Gedanken und erfüllte ihn mit argwöhnischer Sorge. Wie ein Dieb oder Flüchtling, der an einem Wachtturm oder Wächterhaus vorbeigehen muß, seinen Weg fortsetzt, sich aber doch nicht enthalten kann, aus dem Augenwinkel zu den Mauern zu schielen, auf denen niemand zu sehen ist, so setzte Kelderek seine Wanderung fort, ohne den Gedanken aufgeben oder völlig ausschließen zu können, daß er aus einem für ihn nicht übersehbaren, übernatürlichen Gebiet beobachtet und überwacht wurde.
    Shardiks Kraft lag im Schwinden, Sinken, Vergehen. Sein Tod war bestimmt, war gefordert von Gott. Warum also sollte nicht sein Priester beschleunigen, was unvermeidlich war? Und dennoch, ihm als Feind zu nahen, seinen Tod zu beabsichtigen – er dachte an jene, die es getan hatten, an Bel-ka-Trazet, an Gel-Ethlin, an Mollo, an jene, welche die Streels von Urtah bewachten. Er dachte auch an Ged-la-Dan, der großsprecherisch ausgezogen war, um Quiso seinen Willen aufzuzwingen. Und dann, als er schon umkehren, seinen Entschluß aufgeben wollte, sah er wieder Melathys’ tränenüberströmtes Antlitz vor sich, das sich im Lampenlicht zu ihm emporwandte, und spürte ihren Körper, der sich an ihn klammerte – diesen verwundbaren Leib, der in Zeray geblieben war wie ein von Hirten auf einem wilden Berghang verlassenes Mutterschaf. Keine natürliche oder übernatürliche Gefahr war zu groß, um ihr zu trotzen, wenn er nur dadurch rechtzeitig zurückkehren könnte, um sie zu retten und zu überzeugen, daß nichts wichtiger war als die Liebe, die sie für ihn fühlte. Er kämpfte gegen seine wachsende Unruhe an und setzte seine Suche fort.
    Kurz vor Mittag kam er ans andere Ende

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