Shardik
eines der Ihren hin laufen sie zu einer offenen, knarrenden Tür, wo die Leiche einer Frau vornübergestreckt auf der Schwelle liegt. Die Ratten huschen davon, und ein Junge wendet sich schnell ab, er ist bleich, ihm wird übel. Einige Männer beißen die Zähne zusammen, gehen hinein und kommen mit zwei Kinderleichen zurück und einem dritten Kind, das schon gar nicht mehr weinen kann und irr um sich starrt. So wie diese Farm, die sie früher kannten, den Männern erscheinen mag, so wirkte Shardik nun auf Kelderek; und so wie sie auf Jammer und Zerstörung blicken, so betrachtete Kelderek Shardik, der aus dem Teich trank.
Das strubbelige, verschmutzte Geschöpf war hager, schien halb verhungert. Sein Pelz glich einem schlecht errichteten Zelt, das unbeholfen über den Knochenrahmen gespannt worden war. Seine Bewegungen verrieten eine zittrige, zögernde Müdigkeit, wie bei einem alten, durch Entbehrung und Krankheit geschwächten Bettler. Die halb geheilte Wunde in seinem Rücken war mit einer großen rotbraunen Kruste bedeckt, die gesprungen war und sich bei jeder Kopfbewegung öffnete und schloß. Die offene, nässende Wunde im Nacken war sichtlich quälend, entzündet und durch das Kratzen des Tieres aufgerissen. Die blutunterlaufenen Augen starrten wild und mißtrauisch umher, als suchten sie jemanden, an dem sich der Bär für sein Elend rächen könnte; bald jedoch sank der Kopf beim Trinken, als wäre sein Hochhalten unerträglich anstrengend, nach vorn ins seichte Wasser.
Nach einiger Zeit erhob sich der Bär, blickte von einer Richtung zur anderen und starrte einen Augenblick unmittelbar auf die Masse der Wurzeln, zwischen denen Kelderek versteckt lag. Er schien aber nichts zu sehen, und während Kelderek ihn durch eine schmale Öffnung wie durch ein Schlüsselloch beobachtete, kam er zu der Ansicht, daß das Tier sich eher mit dem Schnuppern der Luft und mit Lauschen befaßte als mit dem, was es sehen konnte. Obwohl es ihn nicht in seinem Versteck erblickt hatte, schien es durch etwas anderes unruhig zu werden, etwas, das nicht weit entfernt im Wald vorging. Doch schien es nicht so weit beunruhigt, daß es geflohen wäre. Es blieb eine Weile im seichten Wasser und ließ noch mehrmals wie vorher seinen Kopf sinken, um, wie Kelderek nun merkte, die Wunde in seinem Nacken zu baden und zu kühlen. Dann watete der Bär, zu Keldereks Verwunderung, von dem Teich in tieferes Wasser. Er sah erstaunt zu, wie Shardik zu einem etwas weiter draußen im Fluß liegenden Felsen schwamm. Seine Brust, die breit wie eine Tür war, tauchte ins Wasser, dann seine Schultern, und schließlich schwamm er, wenn auch unter Schwierigkeiten, zu dem Felsen und schleppte sich auf einen Vorsprung hinauf. Dort saß er nun, dem Fluß und dem fernen Ostufer zugekehrt. Nach einiger Zeit schien er mitten in die Strömung tauchen zu wollen, blieb aber zweimal stehen. Dann überkam ihn anscheinend eine Lustlosigkeit. Er kratzte sich verdrossen und legte sich auf den Felsen, wie ein alter, halbblinder Hund sich in den Staub kauert, und bedeckte seinen Kopf mit den Vordertatzen. Kelderek erinnerte sich an die Worte der Tuginda – »Er versucht, in seine Heimat zurückzukehren. Er strebt zum Telthearna und wird ihn, wenn er kann, überqueren.« Wenn ein solches Geschöpf weinen konnte, dann weinte Shardik jetzt.
Zu sehen, wie Kraft versagt, wie Wildheit hilflos wird, wie Macht und Herrschaft durch Schmerz wie Pflanzen durch Trockenheit verwelken – solche Erscheinungen lassen nicht nur Mitleid, sondern auch – und ebenso natürlich – Widerwillen und Verachtung aufkommen. Unser Schmerz um unseren sterbenden Hauptmann ist durchaus aufrichtig, dennoch müssen wir eiligst dieses niedergebrannte Feuer verlassen, bevor die wachsende Kälte unser eigenes Schicksal beschließt. Trotz all seiner glorreichen Vergangenheit ist es nur richtig, ihn zu verlassen, denn wir müssen leben und alle anderen Überlegungen aufgeben; tatsächlich ist er für die Dinge, die uns nun eigentlich angehen, belanglos geworden. Wie merkwürdig, daß anscheinend bisher niemand erkannte, daß er schließlich nie besonders weise, nie besonders tapfer, nie besonders redlich, besonders wahrheitsliebend, besonders sauber war.
Wieder blitzte vor Keldereks innerem Auge die im Licht der untergehenden Sonne stehende Gestalt Melathys’ auf, der einstmals Unerreichbaren, die ihn noch vor zwei Tagen in den Armen gehalten und ihm unter Tränen gesagt hatte, daß sie ihn liebe;
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