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Splitterherz

Titel: Splitterherz Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bettina Belitz
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Ich wollte ihn darauf hinweisen, dass er nicht mein Vater war - oder auch nur irgendetwas in der Richtung. Doch es war kein Vatersatz gewesen. Er wollte nicht, dass ich schlafe, damit ich mich erholte, nein, er wollte es, weil ... Meine Gedanken ver­irrten sich.
    »Gute Nacht, Ellie.« Er machte die Tür zu.
    Schmollend drehte ich mich um und schob das Fahrrad den Feld­weg hinunter zum Haus. Mama und Papa waren schon zu Bett ge­gangen. Alle Lichter waren aus, nur im Flur flackerte eine weiße Stumpenkerze. Bis drei Uhr nachts saß ich mit vor Müdigkeit trä­nenden Augen vor dem laufenden Fernseher und scheiterte immer wieder an dem Vorhaben, Ordnung in meine Gedanken zu bringen, Fragenlisten für Colin zu erstellen, den Abend zu deuten, sein Ver­halten zu interpretieren. Alle Eindrücke verwoben sich miteinander und tosten ungehemmt durch meinen übervollen Kopf.
    Am Schluss blieb nur eines haften - die Traurigkeit, mit der er von seinem ersten Pferd erzählt hatte. Was war geschehen, dass er es verloren hatte? Sprach so ein Aufschneider? Jemand, der sich nur wichtig machen wollte? Und warum hatte er das Gespräch so plötz­lich unterbrochen?
    Als ich Colins Wunsch erfüllte und mich endlich schlafen legte, fühlte ich mich auf einmal unendlich geborgen und behütet.
    Ich wartete, bis ich den Vogel am Waldrand rufen hörte, und kos­tete das süße Gefühl aus, vom Schlaf überwältigt zu werden.

    Blaues Eis

    Am nächsten Morgen erwachte ich mit brummendem Schädel und musste einige Minuten lang angestrengt nachdenken, bis ich Wirk­lichkeit und Traum auseinandersortiert hatte.
    Meine Träume waren wirr gewesen, wirr und fern jeder Realität, als hätte ich eine andere Gestalt und eine andere Seele angenom­men, doch nach und nach kam mir auch der Abend bei Colin äu­ßerst realitätsfern vor.
    Mit einem Schaudern erinnerte ich mich an den finsteren Keller mit den toten Keilern, doch ebenso intensiv hatte sich die samtene Nacht mit ihrem Wetterleuchten und Colins trauriger Verschwie­genheit in mein Gedächtnis eingebrannt. Halte ich mich tatsächlich von einem schwarzen Kater durch den Wald leiten lassen? Was war in dem Wasser gewesen, das Colin mir gegeben hatte - purer Wod­ka?
    Ich beschloss, eine heiße Dusche zu nehmen, nach der meine Welt sicher wieder ihre gewohnten Formen annehmen würde. Vertrauter und auch langweiliger. Doch als ich ins Bad verschwinden wollte, rauschte Mama in einem knielangen Flatterkleid und beseelt von einer aufdringlich optimistischen »Das Leben ist schön«-Stimmung zu mir ins Zimmer und redete von einer Kneippanlage, die just vor zehn Minuten im Bach installiert worden sei. Wir sollten sie doch als Erstes austesten, das Wetter sei schließlich so schön.
    »Mama, bitte noch einmal von vorn. Ich hab nichts verstanden.«
    Ich hatte nicht den geringsten Bedarf nach Gesellschaft. Mir war allenfalls nach einem starken Kaffee und etwas melancholischer Musik zumute, in der ich mich für eine Weile verkriechen konnte.
    »Komm einfach mit. Es wird dir gefallen! Na los, zieh dich an. Außerdem wächst da vielleicht Brunnenkresse.«
    Das war natürlich ein schlagkräftiges Argument. Zu müde, um zu widersprechen, spritzte ich mir Wasser ins Gesicht, vergewaltigte meine viel zu welligen Haare zu einem Dutt, der mehr an ein Vogel­nest erinnerte als an eine Frisur, und vertraute darauf, dass wir so­wieso keinem Menschen begegnen würden auf unserem Weg zu diesem ominösen Kneipptretbecken.
    In der Küche trank ich hastig ein paar Schlucke Orangensaft, während Mama beim Bäckereiwagen, der eben hupend vorgefahren war, Brötchen fürs Frühstück besorgte. Schwungvoll lief sie zurück ins Haus und ließ lautstark die Schranktüren klappern. Was für eine entsetzlich gute Laune sie doch hatte. Und das, obwohl sie die Nacht wie so oft alleine im Nähzimmer verbracht hatte. Hatte Papa etwa immer noch Migräne? Wie hielt er das nur aus?
    Mit verquollenen Augen trat ich auf die Türschwelle und musste mich beherrschen, um nicht kreischend zurück ins Haus zu flüch­ten. »Ach du Scheiße«, quietschte ich. Drei Meter vor unserer Haus­tür saß Mister X und blinkerte mich würdevoll aus seinen gelb glit­zernden Schlitzaugen an.
    »Was machst du hier?«, fragte ich leise. »Willst du mich entfüh­ren?«
    Mister X blinzelte nur ein weiteres Mal und blieb stocksteif sitzen. Jetzt trat Mama neben mich und schaute mich belustigt von der Seite an.
    »Keine Bange, Ellie, es ist weder Freitag

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