Stefan Zweig - Gesammelte Werke
erst, da im Insel-Verlag zum erstenmal eine prächtige Neuausgabe erscheint, für jeden Einsichtigen offenbare Schande, daß durch fünfzig Jahre eines der schönsten Bücher der österreichischen, der deutschen Literatur verschollen war, wird nicht viel geringer dadurch, daß sie eine ganze Reihe von Instanzen gemeinsam trifft. Die Schuld an diesem Versäumnis, an diesem unerklärlichen und unbegreiflichen Versäumnis, daß ein solches Buch uns ein halbes Jahrhundert verlorengehen konnte, fällt zu gleichen Teilen den deutschen Verlegern und deutschen Literaturgeschichtsprofessoren, den öffentlichen österreichischen Kreisen und – so seltsam es auch klingen mag – der tschechischen Nation zu. Den deutschen Verlegern in erster Linie: denn was haben sie in diesen fünfzig Jahren nicht Unnötiges, Gleichgültiges herausgegeben und angepriesen, jeder unwertigste Franzose, jeder belangloseste Skandinavier wurde übersetzt, jede alte Scharteke neu gedruckt und in bibliophilen Ausgaben verschleißt, indes hier, brach und offen, ohne Honorarverpflichtung und ohne andere Mühe als eines einfachen Abdruckes ein unbeschreiblich reines und unvergängliches Werk ihnen gegeben war. Nicht minder schuldig sind in diesem Zusammenhange die Literaturprofessoren, die dicke Bände zusammenklitterten und alljährlich Zeitschriften mit gelehrten Untersuchungen füllten, nicht aber imstande waren, zu erkennen, daß der historische Roman in deutscher Sprache kaum je eigenartiger versucht und gestaltet worden war als in diesem Spätling des längst schon zum zarten Novellisten abgestempelten Dichters. Die Schuld trifft mit das alte Österreich, das niemals Adalbert Stifters wahren Wert erkannte, und sie trifft, so sonderbar es scheint, die tschechische Nation, denn hier in diesem tausendseitigen Roman ist – wie in keinem ihrer eigenen Werke (soviel sie mir bekannt sind) – die historische Geschichte Böhmens, die patriarchalische Sitte, die Reinheit und Stärke ihrer Urväter, geschildert, und ich glaube, nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß der ›Witiko‹ im gewissen Sinn für das tschechische Volk eine Art leiser Iliade, ein sanftes ungewaltsames, manchmal idyllisches und immer doch ergreifendes Nibelungenlied ist.
Auch uns scheint Mitschuld an diesem Versäumnis zu treffen, denn wir mußten wissen, wie unzulänglich das Urteil der Literarhistoriker ist; es wäre längst unsere Pflicht gewesen, sich nicht auf die flüchtig ablehnenden Sätze der professionellen Kunstrichter, die diesen Roman als langweilig, als mißlungen und unlesenswert abtaten, zu verlassen. Aber zu unserer Rechtfertigung muß daran erinnert werden, wie sehr verschollen dieses sonderbare Buch durch alle die Zeit gewesen ist, ja daß es sogar längst zu den Unmöglichkeiten geworden war, sich zu einem nennenswerten Preis ein Exemplar der ersten – und einzigen – vollständigen Ausgabe anzuschaffen. In den Friedenszeiten fragte ich bei einem Buchhändler danach. Er nannte mir (zu Friedenszeiten!) 200 K (vollwertige Friedenskronen) als Preis, eine Summe, für die man noch damals eine kleine Bibliothek erstehen konnte. So ließ ich ab. Als aber vor einem Jahre, ebenfalls in einer schönen Ausgabe der Insel, der andere Roman Stifters ›Der Nachsommer‹ erschienen war und mir in wirklicher Erschütterung das ungeheure Unrecht, das auch an diesem Werke begangen worden war, aufging, versuchte ich meine Anstrengung auf das neue. Aber nun war es überhaupt nicht mehr zu haben, – verschollen, verloren, eingesargt war es für alle, die es suchten.
Nun aber ist es auferstanden, das einst dreibändige Werk, das die Insel in einen einzigen Band von etwa tausend Seiten zusammenschließt, und ich habe es gelesen, mit ebensogroßer Freude, als ich ihm innerlich mit Angst genaht war. Denn immer und immer konnte ich es mir nicht vorstellen, daß fünfzig Jahre, in denen klare, einsichtige Menschen lebten, ein wirklich wertvolles Buch so hätten hinfallen lassen können. Ich begann mit mehr Pietät als Erwartung, einzig sicher, durch den wasserhellen, durchscheinenden, diesen klarschmeckenden und kühl rollenden Prosastil Stifters schon allein für eine vermutete Langeweile der eigentlichen Darstellung entschädigt zu sein. Und wie sonderbar: nach den ersten fünfzig und hundert Seiten spürte ich eine Welt. Ganz neu, ganz rein erstand eine Welt der Vergangenheit, blank wie in einem Traum bewahrt, ein Land, eine Nation, eine Zeit, Böhmen, das ganze mittlere,
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