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Tod Auf Dem Jakobsweg

Tod Auf Dem Jakobsweg

Titel: Tod Auf Dem Jakobsweg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Petra Oelker
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Bus am Ortsrand, wo der camino die Landstraße kreuzt, ihr könnt die Stelle nicht verpassen. Wenn ihr unsicher seid, bleibt einfach stehen und wartet — irgendwann komme ich vorbei, wie an jedem Tag als Letzter. Niemand geht verloren. Und jetzt kommt zum Frühstück Kein schlabberiges Weißbrot heute, Mira hat kräftiges Bauernbrot gebacken. Extra für dich Selma», scherzte er.
    Alle lachten, sogar Fritz. Selmas allmorgendliche, zumeist vergebliche Frage nach Vollkornbrot war niemandem entgangen. Selma nickte würdevoll und ging als Erste zurück ins Haus.
    «Sind alle da?» Jakob ließ den Blick lautlos zählend über die Köpfe gleiten. «Hedda fehlt», stellte er fest und blickte Leo und Nina an. «Wo ist sie? Noch in eurem Zimmer?»
    «Nein», sagte Leo, «sie ist schon vor uns aufgestanden.»
    Weiter dachte sie: <...und geht sicher spazieren.>
    Sie sprach es nicht aus, obwohl niemand außer Nina und ihr von dem erst vor zwei Wochen auf einem Spaziergang geschehenen Unglück wusste. Als hieße aussprechen heraufbeschwören — der camino machte abergläubisch.
    Jakob sah sich unruhig um. Seine strahlende Laune war schlagartig vergangen. Da bog Hedda die Ecke des hinteren Schuppens, Zeichenblock und Bleistift in der Hand, und Jakob atmete erleichtert auf. Leo auch, doch das bemerkte niemand.
     
    Der camino schlängelte sich schmal durch den bergigen Landstrich. Überall von Buschwald dichtbewachsene Hänge und Senken und wie aufgefaltet wirkende kahle Erhebungen, eine Reihe hinter der anderen, bis in der Ferne die Schemen der Montes Aquillanos am Horizont mit dem dunstigen Blau des Himmels verschmolzen. Ihr höchster Gipfel maß über zweitausend Meter. Tiefvioletter Lavendel bereicherte die Farbpalette der blühenden Büsche. Atemberaubend war hier wieder einmal das passende Wort, wegen der Aussicht und wegen der manchmal heftigen, angenehmerweise stets nur kurzen Steigungen. Von Menschen schien diese Welt verlassen, sogar von pilgernden.
    , dachte Leo, die Ungläubige. Es war angenehm, einmal einen Tag fern der von Menschen erbauten und geschmückten Kirchen und Klöster zu sein, einen Tag ohne Besichtigung, ohne Beschäftigung mit einer zweitausendjährigen Geschichte, ohne den Mythos und die mit den Jahrhunderten entstandenen Legenden. Die erwarteten sie wieder am Abend in Ponferrada dort allerdings besonders mit der riesigen, tatsächlich von den Templern erbauten und bewohnten Ritterburg.
    Fritz, Enno, Felix und Hedda bewiesen an diesem Morgen die stärkste Energie, sie waren schnell ein ganzes Stück voraus und hinter Felsen und Baumheide verschwunden. Rita zockelte hinterher. Fritz, so hatte sie missgelaunt gesagt, habe beschlossen, zwei oder drei Urlaubstage in Santiago anzuhängen, vielleicht auch ein Auto zu mieten und bis ans Meer zu fahren, zum Cabo de Finisterre.
    «Beschlossen!», hatte sie davonstapfend geschimpft. «Nicht vorgeschlagen. Beschlossen.» Leo ging wie meistens im Mittelfeld, nun von Nina begleitet, der Rest folgte in einigem Abstand mit Jakob. Manchmal wehte der Wind ihre Stimmen heran, sie konnten nicht weit sein.
    Der Weg war zu schmal für eine Unterhaltung, die niemand sonst hören sollte. So folgte Nina Leo schweigend. Als sie ein paar Zweige des duftenden Lavendels pflückte, sagte Leo: «Du hastgesagt: Ich muss das Kind schützen. Was hast du damit gemeint?»
    Nina steckte behutsam die Lavendelzweige ein. «Ich weiß nicht, es hat jetzt keinen Vater mehr, jedes Kind braucht Schutz», fügte sie trotzig hinzu. «Jedes.»
    Leo war enttäuscht. Das konnte nicht alles sein, aber warum sollte Nina ihr vertrauen? Wenn sie tatsächlich mit der Angst lebte, die Leo in ihrem Gesicht gesehen hatte, würde sie es jedoch tun müssen. Ein toter Bruder, ein schwerverletzter Freund innerhalb weniger Tage, Ninas offensichtliche Unruhe — dahinter musste etwas Schwerwiegendes stecken. Der Tag war noch jung, die Wegstrecke lang, sie musste nur geduldig sein.
    Aber wie wollte Nina das Kind ihres Bruders finden? Nach dem Frühstück hatten sie Zeit gefunden, mit Mira zu sprechen, nur kurz, doch es hatte gereicht. Camilla, so erfuhren sie, wohnte bei einer Freundin in Santiago, auch ihre Eltern lebten dort. Der Vater war seit dem letzten Jahr im Ruhestand, deshalb waren sie vor wenigen Wochen in eine kleinere preiswerte Wohnung gezogen, zwei von Camillas vier Geschwistern wohnten noch bei ihren Eltern, für sie und Fredo gab es deshalb nicht genug Platz. Die Freundin hingegen

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