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Tod Auf Dem Jakobsweg

Tod Auf Dem Jakobsweg

Titel: Tod Auf Dem Jakobsweg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Petra Oelker
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hierherauf habe ich erst begriffen, warum ich diesen so blödsinnig umständlichen Weg genommen habe. Ich war feige, Leo, nichts sonst. Ich hatte Angst, ich könnte ein Drogenwrack finden. Oder einfach einen miesen Kerl. So einen wollte ich nicht zurückhaben. Ich war zu kleinmütig, dafür bin ich jetzt bestraft worden. In der Anonymität der Gruppe hätte ich mich wegducken und schnell wieder verschwinden können. Vielleicht habe ich auch gedacht», sie lachte leise und spöttisch, «eine büßende Pilgertour könne nicht schaden und womöglich helfen, dass doch noch alles gut wird. Verrückt, völlig verrückt. Wäre ich gleich hierhergefahren, direkt, ohne feige Umwege, vielleicht hätten wir dann in der Nacht zusammengesessen und er wäre nicht mehr hinausgegangen.»
    «Hör auf, Nina!», unterbrach Leo sie scharf, nur um gleich die Stimme wieder zu senken. Die anderen schliefen schon, und falls nicht, war es unnötig, dass sie hörten, worüber sie und Nina sprachen. «So läuft das Leben nicht, das weißt du. Vielleicht wärst du um einen Tag zu spät gekommen, das wäre noch quälender, oder er wäre trotzdem hinausgegangen, als du schliefst. Es gibt tausend vorstellbare Varianten, keine nützt etwas. Du bist nicht schuld an seinem Tod, und du konntest ihn nicht verhindern.» Als Nina nur den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: «Es mag dir kein Trost sein, doch du hast jetzt einen Neffen. Du solltest ihn zumindest besuchen. Was ist los?»
    Ninas Hände krallten sich in ihren Arm, ihr Gesicht war im blassen Mondlicht eine starre Maske. «Nina, was ist los?»
    «Das Kind», flüsterte sie atemlos, «ich muss das Kind finden. Ich muss es schützen.»
    Ein sanftes Knarren ließ sie herumfahren. Die Kartenspieler hatten ihr Match beendet, Felix trat in den Hof und blinzelte in die Dunkelheit.
    «Leo?», fragte er. «Und Nina? Ich dachte, wir drei Zocker sind die Nachteulen und ihr schlaft längst. Was macht ihr noch hier draußen, es ist saukalt.»
    «Sprich leiser, die anderen schlafen wirklich schon.» Leo rutschte vom Brunnenrand und schob ihren Arm unter Ninas. «Für uns ist es auch Zeit. Gute Nacht, Felix. Ich hoffe, du hast nicht vor, einen Nachtspaziergang zu machen, man kommt hier leicht vom Weg ab. Und denk an die Wölfe.»
    Sie wollte Nina mit sich fortziehen, doch die blieb stocksteif stehen.
    «Du hast gelauscht», behauptete sie. «Ich bin sicher, du hast gelauscht.»
    «So ein Quatsch.» Felix hob verblüfft die Hände. «Reg dich bloß nicht auf. Euer Mädelskram interessiert mich nicht. Wir haben Karten gespielt, das war spannender.»
    «Schon gut, Felix.» Leo griff mit beiden Händen nach Ninas Schultern und schob sie vor sich her zu dem zum Nebenhaus ausgebauten Schuppen, wo ihre Betten warteten. «Nina hat es nicht böse gemeint.»
    Wieder klappte die Tür, Felix war im Haus verschwunden.
    «Niemand hat gelauscht, Nina, und wenn — dann ist es auch egal. Jeder lebt mit ein paar dunklen Seiten in seiner Familiengeschichte, mach dir darüber keine Gedanken. Ich kenne mich auch mit verschwundenen Familienmitgliedern aus, das ist keine Schande. Morgen früh fragen wir Mira, wo du Camilla und ihren Sohn finden kannst. Und jetzt ist auch für uns Schlafenszeit.» Sie öffnete die Schuppentür, ein schmaler Lichtstrahl fiel aus dem beleuchteten Flur auf Nina. Leo stutzte. «Dein Anorak», sagte sie, «ist das der gleiche wie Benedikts? Rot und blau, wir anderen haben alle Jacken in Grün oder Beige.»
    Ihre linke Hand lag noch auf Ninas Schulter, sie spürte, wie sie sich unter ihrem Griff versteifte.
    In dieser Nacht schlief Leo schlecht. Als sie ihr Zimmer betreten hatten, hatte Hedda in tiefem Schlaf gelegen. Sie hatten eine Kerze angezündet, um sich in der Dunkelheit zurechtzufinden, Hedda war nicht erwacht. Auch Nina war trotz der Aufregungen des Abends rasch eingeschlafen, Leo hörte ihren Atem und wartete auf ihren Schlaf. Sie war todmüde und hellwach. Ein Zustand, den sie gut kannte und hasste. Wirre Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Ninas seltsamer Entschluss zu dieser umständlichen Suche nach ihrem verschollenen Halbbruder, dessen plötzlicher Tod, ein Absturz wie der Benedikts, nur mit tragischerem Ausgang. Für Nina musste das wie eine Wiederholung, eine besonders bösartige Finte des Schicksals sein. Und was war mit Ninas Eltern geschehen? Hatte sie sich, wie ihr Bruder, von ihnen distanziert? Ihre Mutter habe gewusst, wo Dietrich sei, hatte sie gesagt. Warum hatte sie ihre Mutter

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