Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Tod Auf Dem Jakobsweg

Tod Auf Dem Jakobsweg

Titel: Tod Auf Dem Jakobsweg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Petra Oelker
Vom Netzwerk:
dann nicht genauer gefragt? Und warum suchte sie ihn gerade jetzt?
    Und dann der Anorak. Nina hatte Angst, um sich und nun auch um den unbekannten Sohn ihres Bruders. Sie, Leo, hätte ein Klotz sein müssen, um das nicht deutlich zu spüren. Warum hatte sie Angst? Wovor? Oder: vor wem? Noch einmal: der Anorak. Abrupt setzte sie sich auf und starrte in die schwarze Nacht.
    Derselbe Anorak. Das war es, was sich während der letzten Tage in ihrem Hinterkopf versteckt hatte. Anders als die der anderen rot und blau. Nina war fast einen halben Kopf kleiner als Benedikt, doch im Nebel unter der Kapuze war das vielleicht schwer zu unterscheiden, mit den schweren Bergstiefeln war auch ihr Gang schwer — männlicher. Wenn Nina glaubte, nicht Benedikt, sondern — nein, das war ein aus Dunkelheit und ungeklärten Fragen kriechender Nachtmahr. Sie ließ sich erschöpft zurückfallen, zog die Decke über den Kopf und befahl sich, endlich zu schlafen. Die Decke roch leicht nach Schafen, kein einladender Geruch, doch jetzt, in dieser verwirrenden Nacht, bedeutete er beruhigende Realität.
    Die Müdigkeit siegte. Nur einmal erwachte sie in dieser Nacht, der Morgen kroch schon grau aus den Tälern herauf. Sie glaubte, ein heiserer Schrei habe sie geweckt. Ihr eigener konnte es nicht gewesen sein, da war kein Albtraum in ihrer Erinnerung, und ihr Geist wie ihr Körper waren zu träge für solchen Schrecken.
    «Nina», flüsterte sie, «bist du wach? Hast du schlecht geträumt?»
    Als sie ohne Antwort blieb, auch Hedda schlief reglos wie eine Tote, fiel sie zurück in einen unruhigen Schlummer.
     

Kapitel 10
     
     
     
    Montag / 9. Tag
     
    Nie ist das Wetter so von Bedeutung wie beim Wandern — auch dieser Morgen versprach einen strahlenden Tag. Noch kämpfte eine blasse Sonne mit der Kälte der Nacht, in den Tälern hingen Nebelschwaden, Tautropfen glitzerten im Gras und auf den Sträuchern, in den herben Duft der Erde und den süßen der Rosen mischte sich der würzige von Kaffee und gebratenem Speck.
    «Ein Paradies», seufzte Edith glücklich, als sie in den Hof trat, um die Morgenluft zu schnuppern und die letzte Schläfrigkeit zu vertreiben. «Ist es nicht ein Paradies, Selma?»
    Selma nickte halbherzig und duckte sich fröstelnd tief in ihren dicken Wollschal.
    Rita antwortete statt ihrer. «Stimmt», sagte sie, «fast wie zu biblischen Zeiten. Ich verstehe unter einem Paradies ein hübsches Plätzchen mit Sauna Kino und Strand gleich vor der Nase. Disco muss nicht sein, wäre aber auch nett. Und eine Bar.» Sie beschirmte die Augen mit der Hand und blinzelte zu den Felsen hinauf. «Da kommt ja auch der verschollene Señor Müller. Ich dachte schon, er sei heimlich abgereist. Aber ohne Autobahn in der Nähe», fügte sie boshaft hinzu, «überlegt er sich so was zweimal. Dabei wollte er diese Tour machen, ich hätte nichts gegen zwei schicke Wochen an der Côte d’Azur gehabt.»
    Fritz kletterte, beständig mit dem sich in seinen Kleidern verfangenen stacheligen Buschwerk kämpfend, von den Felsen hinter dem Anwesen herunter. Das Handy ragte aus der Brusttasche seines Hemdes.
    «Ein einziges riesiges Funkloch, diese Gegend», knurrte er und lutschte das Blut von einem Kratzer seiner rechten Hand. Rita grinste breit, und Leo dachte, Fritz’ Seitensprung werde kaum mehr von langer Dauer sein.
    Aber an diesem Morgen betrachtete auch sie ihn mit anderen Augen, tatsächlich alle, die nach und nach in den Hof traten, um den Tag zu begrüßen und ihr Gepäck zum Karren zu bringen. Sosehr sie ihre Phantasie bemühte, es war auch jetzt wieder unvorstellbar für sie, dass womöglich darunter einer war, der Benedikt in den Abgrund gestoßen hatte. Lauter harmlose Touristen mit durchschnittlichen Schrullen, Vorlieben oder Abneigungen, freundliche Menschen, mit denen man am Abend gerne ein Glas Wein trank. Nun gut, mit dem einen mehr, der anderen weniger gerne, so war es nun mal in einer bunt zusammengewürfelten Gruppe.
    Felix und Enno halfen Julián, das schon im Hof abgestellte Gepäck sicher auf dem Karren zu verstauen, damit es auf dem ersten, strikt bergab führenden Stück des Weges zur Passstraße nicht herunterrutschte. Santiago sah zu und scharrte schnaubend mit den Hufen. Er stand ungern nutzlos herum und freute sich auf seine Arbeit.
    «Herrlicher Tag, was?», rief Jakob, der putzmunter aus dem Haus kam und wie an jedem Morgen den Plan für den Tag verteilte. «Unser Endpunkt ist heute Molinaseca. Ignacio wartet mit dem

Weitere Kostenlose Bücher