Tod Auf Dem Jakobsweg
sagte er, «du wolltest heimlich auch noch ein Steinchen ablegen. »
«Ertappt», gab Leo zu, «Asche auf mein Haupt.»
Niemand würde erfahren, was sie gesehen hatte. Das Stück Stoff, das Hedda an den Mast unter dem Kreuz gebunden hatte, war ein Hemdchen. Gerade groß genug für ein höchstens einjähriges Kind.
Nun ging es über lange Strecken entlang der Passstraße, hin und wieder führte der Weg in die Landschaft hinein, von kurzen holperigen Aufstiegen abgesehen, beständig bergab. Immer weiter nach Westen, dorthin, wo die Sonne unterging, wo in alter Zeit das Ende der Welt und aller irdischen Tage gesehen worden war. Dort hinter den Bergen lagen das grüne Galicien und das Meer. Unter heißbrennender Sonne erinnerten markierte Metallpfähle am Wegesrand daran, wie tief der Weg im Winter unter Schnee begraben liegen konnte. An einen hatte ein frommer Mensch ein Bild der Madonna geklebt, demütig gesenkte Augen in dem von Rosen gerahmten Gesicht unter der Krone einer Königin. Es war ein berührender Anblick: das mit Klebestreifen notdürftig befestigte Papier an einem schlichten eisernen Mast, dahinter das grüne und braune, mit weitflächigen Inseln von weißen, gelben und purpurnen Blüten bedeckte Bergland bis zu den schneebedeckten Gipfeln.
«Ein Altar», sagte Enno leise, als er neben Leo vor dem Bild stehen blieb, «nicht prächtig und ohne die liturgischen Geräte, aber doch ein Altar.»
Leo sah ihm nach, wie er ohne ein weiteres Wort einfach davonging. Enno, während der ersten Tage ihrer Reise der Besserwisser und Witzemacher, war still geworden. Nicht einmal mehr von seinem Lieblingsthema redete er noch, der ETA.
El Acebo erwies sich bei aller Kargheit als ein hübsches kleines Dorf, Sven bezeichnete es als urig. Die üblichen alten Steinhäuser waren komplett mit blaugrauen Schieferdächern neu gedeckt, in die ohnedies enge Durchgangsstraße ragten überdachte hölzerne Balkone vor. In den Gärten am Dorfrand blühten selbst hier, in über tausend Metern Höhe, Rosen, ihr Duft mischte sich mit dem von Holzfeuern.
In der Ferne im Westen stieg zwischen den Höhen weißer Rauch auf.
«Ponferrada», erklärte Jakob. «Man kann es sich in dieser Gegend kaum vorstellen, aber die Stadt mit ihren Wasser- und Kohlekraftwerken lebt mehr von Industrie als vom Tourismus. Dort wird Eisen und Stahl erzeugt, auch die chemische Industrie ist bedeutend.»
Die Mittagssonne brannte vom wolkenlosen Himmel. Am Brunnen beim Ortsausgang, wo der camino wieder die Landstraße erreichte, trafen alle zu einem Picknick zusammen und füllten ihre Wasserflaschen auf. Noch drei Stunden bis Molinaseca, geschundene Füße waren lästig, leere Wasserflaschen in der Hitze des Tages fatal. Der Weg führte fast nur noch bergab in das weite Tal der Ríos Boeza und Sil mit ihren Stauseen. Nahe deren Zusammenfluss hatten schon die Römer gesiedelt, im 12. Jahrhundert hatten die damals mächtigen Tempelritter zum Schutz des camino und der Pilger ihr riesiges Kastell gebaut.
Es ging mehrfach über einen Bach, auch mal hoch über ihm entlang. Der Pfad war oft steinig, doch das Land wurde immer grüner, Felder und saftige Wiesen, schmale Auwaldstreifen, uralte Kastanien — nur der angekündigte Schatten blieb aus- schien der Weg länger, als er tatsächlich war. Auch und erst recht für den Jakobsweg gilt: Wer eine Wanderung plant, sollte sich nie auf die zu bewältigenden Kilometer einstellen, sondern einzig auf die Zahl der Stunden, die in guten Wanderführern angegeben sind.
Selbst der längste Weg führt endlich zum Ziel. Ignacio hatte seinen Bus auf einem sandigen Platz neben einem Kiosk geparkt. Er saß unter einer Robinie, trank Milchkaffee und rauchte einen Zigarillo. Selten war er so freudig begrüßt und ein Kiosk so einmütig gestürmt worden. Dann hockten alle auf wackeligen Stühlen, Holzbänken und einem Mäuerchen, tranken Zitronenlimonade oder leichtes spanisches Bier. Selma hatte Bier trotz ihrer schwäbischen Herkunft immer für ein vulgäres Getränk gehalten, besonders wenn man es aus der Flasche trinken musste. Nun verkündete sie, es sei doch ein fabelhaft erfrischendes und anregendes Getränk. Was sich als Irrtum erwies, kaum rollte der Bus über den Río Boeza, hörte man von ihrer Bank sanftes Schnarchen.
Inspektor Obanos legte die letzte Aktenmappe in die Schublade und blickte befriedigt auf seinen Schreibtisch. So aufgeräumt war er nur, wenn er sich in den Urlaub verabschiedete, und das würde
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