Totenblick: Thriller (German Edition)
Schritt, den er sich vom Polizeigebäude entfernte, mit jedem Atemzug, den er tat, setzte eine Metamorphose ein.
In seinem Innern krempelte sich vieles um. Ein Lebensgefühl meldete sich, das er lange verdrängt hatte.
Nicht vergessen, sondern absichtlich verdrängt.
Es hatte sich seit dem Zwischenfall mit dem Messermann durch seine Träume mehr und mehr in ihm ausgebreitet. Das Dunkle, das Kriminelle, das Rücksichtslose kehrte zurück.
Es forderte als Erstes von ihm, den beschissenen Smart stehen zu lassen und seine Night Rod aus dem Exil zurückzuholen.
Ares ließ es zu.
Aber er fühlte, dass er aufpassen musste. Am Ende, wenn der Mörder seines Freundes gerichtet vor ihm lag, musste er in sein normales Leben zurückkehren. In die Existenz des Personal Trainers, der einen Kleinstwagen fuhr, so bescheuert es aussah, und der drei tolle Töchter sowie eine einmalige Freundin hatte, um die er sich kümmerte. Schöne Verpflichtungen und eine normale Existenz mit Regeln.
Das konnte ein Demon nicht. Aber einen Dämon musste er entfesseln, um die Sache zu bereinigen. Erst der Mörder, dann der Messermann.
***
Leipzig, Zentrum-Süd, 18. Dezember
Lackmann schob die Wodkaflasche zur Seite.
Für heute reichte es. Sein Pegel konnte im besten Fall so bleiben, doch durfte er keinesfalls mehr steigen. Es beeinträchtigte ihn zu sehr, kippte über die Grenze zum guten Gefühl.
Löwenstein hatte sein Büro vor einer Stunde verlassen, nachdem er ihm verkündet hatte, was er unternehmen wollte. Es klang vernünftig.
Der Kommissar erhob sich und ging zum Schrank, in dem die offenen Fälle lagerten, die er, Schwedt und Rhode nicht mehr zum Abschluss hatten bringen können. Memorabilien der besonderen Art.
Es waren nur wenige Dinge: eine gewiefte Einbruchsserie mit brutalem Vorgehen der Täter, ein Überfall auf einen Juwelier, eine Bande von Jugendlichen, welche die Geschäftsleute der Innenstadt terrorisierte; dazu noch zwei ungeklärte Morde mit zu vielen Indizien und zu wenig Beweisen.
All das war liegengeblieben, seit sie als SoKo zuerst dem Bildermörder nachjagten und danach Sterz hetzten.
Lackmanns Job wäre es gewesen, sich um diese liegengebliebenen Fälle zu kümmern.
Aber das tat er nicht.
Er verließ sein Büro und warf noch zwei Pfefferminzpillen ein, um den letzten Rest Wodka in seinem Atem zu übertünchen, obwohl der Kaffee schon sehr gute Dienste geleistet hatte.
Lackmann schlenderte über die Flure und lauschte auf die Gespräche, die Informationen, die er en passant erhielt.
Niemand achtete auf ihn, den Hungerturm, den Säufer, den Unsympathen. Die beste Tarnkleidung, die es geben konnte. Man warf ihm selten Blicke zu, und wenn doch, dann eher mitleidige.
Lackmann erfuhr auf seinem unauffälligen Raubzug, dass es eine absolute Informationssperre gab. Keine Informationen an die Medien. Außerdem sandte das BKA, auf Geheiß des Bundesinnenministers, ein komplett neues Stabsteam, wie man gehört haben wollte. Die Zahl der Streifenbeamten wurde verdreifacht, um Präsenz auf Leipzigs Straßen zu zeigen. Besonderes Augenmerk richtete sich dabei auf leerstehende Häuser.
Lackmann musste freudlos lachen. Leere Häuser, Hallen, Abbruchgebäude, Sanierungsfälle gab es in Leipzig so viele wie Muscheln am Sandstrand.
Fast in jeder Straße außerhalb des Kerns stand mindestens ein vereinsamtes Haus und wartete auf eine Veränderung seines trostlosen Zustands. Diese Gebäude gehörten einfach zum Stadtbild dazu. Was mal charmant, mal marode, mal historisch daherkam, konnte dem Verrückten gerade als ideales Versteck mit mehreren Fluchtwegen dienen.
Lackmann erinnerte sich an die Durchbrüche in den Kellern. In seinem Elternhaus war es so gewesen. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs hatten viele Leipziger Löcher in die Wände geschlagen, um von einem Gebäude ins andere zu flüchten, falls das Haus darüber nach einem Bombentreffer eingestürzt oder in Brand geraten war.
Mit einer SMS informierte er Löwenstein von den neuesten Entwicklungen und bekam von dem Hünen die Nachricht, dass er sich auf Beobachtungsposition begeben hatte. Die Spurensicherung habe die Arbeiten am Trümmerfeld der Heeresbäckerei wieder aufgenommen, nachdem eine neuerliche Runde der Sprengstoffspürhunde nichts ergab.
»Herr Lackmann«, wurde er unvermutet aus einem Büro angesprochen. »Kommen Sie mal rein.«
Er hob den Kopf und hatte gerade die Orientierung verloren, wo er sich befand. Er stand vor Magda Gabors Büro.
Sie war
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