Ueber Deutschland
Hand
Löset der Mord auch das heiligste Band,
In sein stygisches Boot
Raffet der Tod
Auch der Jugend blühendes Leben!
Wenn die Wolken gethürmt den Himmel schwärzen,
Wenn dumpftosend der Donner hallt,
Da, da fühlen sich alle Herzen
In des furchtbaren Schicksals Gewalt;
Aber auch aus entwölkter Höhe
Kann der zündende Donner schlagen.
Darum in deinen fröhlichen Tagen
Fürchte des Unglücks tückische Nähe.
Nicht an die Güter hänge das Herz,
Die das Leben vergänglich zieren:
Wer besitzt, der lerne verlieren;
Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz!
Als Don Cäsar erfährt, daß seine Geliebte, um derentwegen er den Bruder erstach, seine Schwester ist, kennt seine Verzweiflung keine Gränzen; er beschließt, zu sterben. Die Mutter bietet ihm Verzeihung an; die Schwester fleht ihn, zu leben. Umsonst; in seine Qualen mischt sich der Neid, die Eifersucht gegen den vorgezogenen Bruder:
Er lebt in deinem Schmerz ein selig Leben;
Ich werde ewig todt seyn bei den Todten.
Umsonst täuscht er sich selbst:
Dann, Mutter, wenn ein Todtenmahl den Mörder
Zugleich mit den Gemordeten umschließt,
Ein Stein sich wölbet über beider Stätte,
Dann wird der Fluch entwaffnet seyn – dann wirst
Du deine Söhne nicht mehr unterscheiden,
Die Thränen, die dein schönes Auge weint,
Sie werden einem wie dem andern gelten;
Ein mächtiger Vermittler ist der Tod.
Da löschen alle Zornesflammen aus,
Der Haß versöhnt sich, und das schöne Mitleid
Neigt sich, ein weinend Schwesterbild, mit sanft-
Anschmiegender Umarmung auf die Urne.
Umsonst will ihn die Mutter ins Leben zurückrufen:
Ich kann
Nicht leben, Mutter, mit gebrochnem Herzen.
Anblicken muß ich freudig zu den Frohen,
Und in den Aether greifen über mir
Mit freiem Geist. – Der Neid vergiftete mein Leben,
Da wir noch deine Liebe gleich getheilt.
Denkst du, daß ich den Vorzug werde tragen,
Den ihm dein Schmerz gegeben über mich?
Der Tod hat eine reinigende Kraft,
In seinem unvergänglichen Pallaste
Zu ächter Tugend reinem Diamant
Das Sterbliche zu läutern und die Flecken
Der mangelhaften Menschheit zu verzehren.
Weit wie die Sterne abstehn von der Erde,
Wird er erhaben stehen über mir,
Und hat der alte Neid uns in dem Leben
Getrennt, da wir noch gleiche Brüder war'n,
So wird er rastlos mir das Herz zernagen,
Nun er das Ewige mir abgewann,
Und jenseits alles Wettstreits wie ein Gott
In der Erinnerung der Menschen wandelt.
Das Gefühl gegen einen Todten ist ein Gefühl, worin eben so viel Wahrheit als Zartheit liegt. Wer könnte je Herr über die Sehnsucht werden? Können je Lebende die Schönheit des himmlischen Bildes erreichen, welches ein abgeschiedener Freund in uns zurückließ? Hat er nicht zu uns gesprochen: Vergiß mein nicht! Ist er nicht dort ohne Schutz? Wo lebte er sonst noch auf Erden, wenn er nicht im Heiligthum unserer Seele lebte? Und wer unter den Glücklichen dieser Welt verbände sich wohl so innig mit uns als das Andenken an ihn?
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Zwanzigstes Capitel. Wilhelm Tell.
Schillers Wilhelm Tell ist mit den lebhaften glänzenden Farben ausgemalt, die unsre Einbildungskraft in die pitoresken Gegenden versetzen, wo der ehrwürdige Bund des Rütli vor sich ging. Die ersten Verse, die an das Alpenhorn erinnern; die Wolken, die die Gebirge in zwei Hälften theilen, und die Erde der Thäler von der, die dem Himmel näher liegt, von den Bergspitzen trennen; die Gemsenjäger, die ihrem leichten Raube über die Abgründe nachsetzen; dies Hirten- und Kriegerleben zugleich, welches mit der Natur im Kampf, mit den Menschen im Frieden ist; alles flößt ein lebendiges Interesse für die Schweiz ein: und die Einheit der Handlung in dieser Tragödie liegt in der Kunst, die Nation selbst zu einer dramatischen Person gemacht zu haben.
Tells Unerschrockenheit zeigt sich schon im ersten Acte auf eine auffallend-treffende Weise. Ein Unglücklicher, ein Geächteter, von einem der Untertyrannen der Schweiz bis in den Tod verfolgt, will sich jenseits des Sees retten, wo er einen Schlupfwinkel zu finden hofft. Aber der Sturm ist so wüthend, daß kein Fährmann ihn überzusetzen wagt. Tell sieht seine Angst, theilt sie, sticht mit ihm in den See, und rettet ihn glücklich.
Tell ist der Verschwörung fremd, die Geßlers Uebermuth herbeigerufen hatte. Stauffacher, Walther Fürst und Arnold von Melchthal legen den Grund dazu. Tell ist der Held, nicht der Urheber derselben; ihn beschäftigt
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