Wehrlos: Thriller
drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und zog einen Hocker heran, um ihr gegenüber Platz zu nehmen. Er sah sich den SMS -Eingang auf seinem Smartphone an, fünf neue Nachrichten erwarteten ihn. Eine davon versetzte ihm einen kurzen Stich ins Herz:
Danke für deine Worte, die mir gutgetan haben.
Freue mich auf ein Bier mit dir, wann du willst. R.
Samuel war mit einem Mal glücklich und versöhnlich gestimmt. Und aus einem Grund, den er nicht näher analysieren wollte, bereute er es fast, dass er Ellen gebeten hatte zu bleiben. Allerdings nur fast, denn die Nacht war sehr angenehm und sie war ihm eine große Hilfe gewesen.
»Kaffee?«, fragte Ellen.
»Ja, gerne.«
Gleich darauf öffnete er seinen Laptop und ging ins Internet. Die Aufregung des Reporters war spürbar. Er schrieb hektisch.
»Hast du gefunden, was du gesucht hast?«, fragte Ellen.
»Ja, dank deiner Hilfe konnte ich bestätigen, was ich aus anderer Quelle erfahren habe.«
»Was ist an diesen Konten so interessant für dich?«
Samuel wägte kurz das Für und Wider ab und entschloss sich dann, Ellen, die in diesem Fall sehr solidarisch gewesen war, ins Vertrauen zu ziehen. »Ole Polsen ist der Fischer, der wegen des Attentats gegen Green Growth auf den Färöer-Inseln verhaftet worden ist.«
»Das weiß ich.«
»Ich habe mir seine gesamten Kontoauszüge des letzten Jahres angeschaut. Nun, vor ein paar Monaten sind auf seinem Geschäftskonto immer wieder größere Geldsummen anonymer Herkunft eingegangen. Diese Information musste ich bestätigen.«
»Und was heißt das?«
»Dass er vermutlich für seine Tat bezahlt wurde. Er ist nur das ausführende Organ. Und damit stehe ich vor einem neuen Problem.« Samuel trank die Hälfte seines Kaffees in einem Zug.
»Warum?«
»Es handelt sich um Nummernkonten in der Schweiz …« Samuel sah sie mit seinem treuem Cockerblick an.
»Vielleicht kann ich dir ja noch einmal helfen«, meinte Ellen.
KAPITEL SECHS
Das Unbehagen war dem Drang gewichen, tätig zu werden. Nachdem Rachel ihren Sohn – wortlos und gedankenverloren – mit dem Auto zur Schule gebracht hatte, verzichtete sie darauf, das Mountainbike zu nehmen, und fuhr zügig weiter nach Nyboder.
Sie parkte am Anfang der Fußgängerzone, nicht weit von Christas Haus entfernt, sprang aus dem Auto und öffnete die Eingangstür des ockerfarbenen Hauses mit ihrem Zweitschlüssel. Sie dachte gar nicht daran, Cruella zu benachrichtigen. Soll sie doch aufkreuzen, der werde ihr meine Meinung sagen! Rachel war nur noch von dem Gedanken besessen zu begreifen, was mit ihrer Schwiegermutter und ihrem Sohn geschehen war. Falls nötig, würde sie das ganze Haus auf den Kopf stellen auf der Suche nach einem Hinweis, der die Blutergüsse an Christas und Sachas Körper erklärte.
Sie betätigte sämtliche Lichtschalter, an denen sie vorbeikam, und rannte nach oben in das große Schlafzimmer mit dem hohen Bett, dem altertümlichen Schrank und den Familienfotos. Um nicht in Tränen auszubrechen, vermied sie einen Blick auf Christas Porträt und machte sich über die erste Kommode her, zog rasch eine Schublade nach der anderen heraus. Oberteile, Unterwäsche und ein buntes Durcheinander an Schals, Gürteln, Broschen, Handschuhen und Haarutensilien. Ohne große Hoffnung durchsuchte Rachel den Frisiertisch. Das Möbelstück quoll über von teuren Cremes und Lotionen, sonst nichts. Anschließend gab der Kleiderschrank seine Geheimnisse preis. Designerklamotten, manche in Kleiderhüllen, eine Garderobe, die eines Stars würdig war.
Die Hände in die Hüften gestemmt, drehte sich Rachel um die eigene Achse. Der Nachttisch! Eine gründliche Durchsicht ergab jedoch nichts anderes als ein paar Medikamente und zwei Liebesromane von Barbara Cartland. Rachel spürte, wie der Schmerz sie zu überwältigen drohte. Kummer war wie eine Art Woge, die sich über den Strand ergoss und zurückzog. Sie wartete, bis die Welle zurückwich, und schob die Bücher in ihre Tasche.
Nach zehnminütigem Suchen kam Rachel zu dem Schluss, dass Christa ihre persönlichen Papiere nicht in diesem Zimmer aufbewahrte. Sie ging die Treppe wieder hinunter und schaltete im Wohnraum das Licht ein. Ein bordeauxfarbenes Ledersofa, daneben eine Glasvitrine voll mit Reiseführern, verschiedene Beistelltischchen, auf denen sie ihre Reiseandenken aufgestellt hatte. Masken, eine Sammlung von Folklorepuppen, kleine naive Aquarelle von der Akropolis, von Piräus und vom Kolosseum, Schneekugeln mit Motiven von
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