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Wehrlos: Thriller

Wehrlos: Thriller

Titel: Wehrlos: Thriller Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elena Sender
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großen Matte, die in einer Ecke lag. Das wird schon, wir schaffen das , wiederholte sie sich unaufhörlich. Sie sah ihrem Sohn zu und sandte ihm stille Worte der Ermutigung. Nur zu, mein Junge. Oma ist nicht mehr da, aber wir werden uns gegenseitig unterstützen und schon alles irgendwie hinbekommen .
    Nachdem sie seine Beine aufgewärmt hatte, legte Kirsten Sacha für die erste Übung auf eine schräge Liege, an deren Ende sich ein Gewicht befand, das er mit den Beinen zurückstoßen musste.
    »Los, Sacha, so fest und so weit du kannst!«
    Rachel beobachtete, wie ihr Sohn seine Oberschenkelmuskeln nach besten Kräften anspannte und dann mit einem Ruck das Gewicht von sich wegzuschieben versuchte. Dieses bewegte sich zwar nur wenige Millimeter, aber immerhin bewegte es sich. Sie massierte sich die Nasenwurzel und die Stirn. Trotz der Tablette, die sie geschluckt hatte, hielt sich die Migräne hartnäckig. Als Kirsten dem Jungen eine kurze Pause gönnte, hockte sie sich vor Rachel.
    »Ich habe das von seiner Großmutter gehört, mein herzliches Beileid.«
    Rachel dankte ihr. Kirsten senkte den Ton. »Wie hat der Junge es aufgenommen?«
    »Gestern Abend war er sehr aufgeregt, aber heute Morgen hat er nicht mehr darüber gesprochen. Ich weiß nicht recht, ob ich noch einmal davon anfangen oder ihn in Ruhe lassen soll. Es ist für uns alle eine Tragödie.«
    »Lassen Sie ihm Zeit, die Nachricht zu verdauen, ohne ihn zu drängen.« Kirsten hatte das im selben Tonfall gesagt, als würde sie anordnen: »Machen Sie mal fünfzig Liegestütze.« Die Art irritierte Rachel zwar, doch im Grunde hatte die Physiotherapeutin recht.
    »Ich frage mich, ob ich ihn zur Beerdigung mitnehmen soll«, fuhr Rachel fort, die froh war, endlich jemanden zu haben, mit dem sie reden konnte. »Er scheint mir noch etwas zu klein dafür. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich tun soll.«
    »Im Gegenteil«, riet Kirsten unerwartet sanft, »es wäre ein großer Fehler, ihn nicht mitzunehmen. Es ist gut, wenn er an diesem Ritual teilnimmt, denn das macht die Sache konkreter. Sie sollten ihn in die Zeremonie einbinden, indem er zum Beispiel eine Blume oder eine Zeichnung auf den Sarg legt. Es ist wichtig, dass er sich von seiner Großmutter verabschieden kann.«
    Rachel war beeindruckt von dem gesunden Menschenverstand dieser Frau, die sie zunächst für keine besonders gute Psychologin gehalten hatte. »So habe ich die Dinge noch gar nicht gesehen, Sie haben recht.«
    Kirsten erhob sich. »Die Pause ist zu Ende, Sacha. Es geht weiter.«
    Auch Rachel stand auf, ihre Beine waren schwer. »Ich möchte jemanden in einem anderen Block des Krankenhauses besuchen.«
    Kirsten nickte, und Rachel warf Sacha aus der Ferne eine Kusshand zu, artikulierte ein stummes »ich komme gleich wieder« und verließ den Übungsraum.
    ■ ■ ■
    Rachel faltete den Plan des Krankenhauses auseinander und entdeckte einen vom Hauptgebäude entfernten Block, der den Namen »Teilum Building« trug. Für die Strecke würde sie mindestens fünf Minuten brauchen. Draußen war die Luft schwer und drückend, und ein grauer Himmel hing über den Häusern. Vor mehr als zweihundertfünfzig Jahren hatte man das erste Krankenhaus auf einem ehemaligen Sumpf errichtet, der im 18 . Jahrhundert trockengelegt worden war. Das ursprüngliche Gebäude war 1950 abgerissen und an seiner Stelle dieser Stahlblock errichtet worden, der als Vorbild für alle Kopenhagener Krankenhäuser diente.
    Auf ihrem Weg durch den Garten und vorbei an einer Taxistation und Bushaltestelle begegnete Rachel verschiedenen Angestellten in weißen Kitteln. Automatisch sah sie sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand ihr folgte, aber im Grunde war es ihr egal. Sie fühlte sich benommen, gleichgültig gegenüber allem, was ihr geschehen könnte.
    Sie nutzte die Zeit, um endlich die diversen Beileidsnachrichten zu beantworten, die sie am Vortag erhalten hatte. Als sie die SMS überflog, wurde ihr warm ums Herz. Die Mitglieder des Nachbarschaftsrats, Jesper, seine Frau Sofie und die Kollegen von GG hatten mitfühlende Worte des Trosts für sie und Sacha gefunden. Auch Professor Hansen bekundete seinen »tiefen Schmerz« und versicherte ihr seine Freundschaft. Rachel antwortete allen Freunden, dann blieb sie kurz stehen, um die Nachricht von Samuel zu lesen. Die Kälte war wie verflogen, und die Worte, mit denen er ihr seine Hilfe anbot, waren ehrlich und herzlich. Ein leichtes Lächeln umspielte Rachels Lippen.

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