Wehrlos: Thriller
Schwiegermutter an einem Sarkom am Herzen litt?«
Rachels Augen weiteten sich.
»Einem Sarkom?«
»Dabei handelt es sich um einen seltenen Tumor mit schlechter Prognose. Ich habe in meiner Laufbahn nicht viele gesehen. Wir haben einen von erheblicher Größe gefunden. Doch diese Diagnose taucht ebenso wenig in ihrem Krankenblatt auf wie ein eventueller Behandlungsplan.«
»Welche Symptome löst das aus?«
»Schmerzen im Brustkorb und Atembeschwerden.«
»Und Sie sagen, die Prognose ist schlecht?«
»Die meisten Patienten sterben, sogar nach einem chirurgischen Eingriff und einer Chemotherapie, innerhalb der darauffolgenden drei Jahre. Die Überlebenschance bei einem Herzsarkom beträgt etwa ein Jahr. In Christa Kohlers Fall wurde offenbar keine Behandlung vorgenommen. Sie hätte in jedem Fall leider nicht mehr lange zu leben gehabt.«
Rachel schlug die Hand vor den Mund. »Mein Gott, und sie hat mir nichts gesagt.«
»Vielleicht wusste sie es selbst nicht.«
Vita Moling machte eine Pause, um Rachel Zeit zu lassen, die Neuigkeit zu verdauen. Dann fuhr sie fort: »Da ist noch etwas anderes …«
Die Rechtsmedizinerin zog ein Foto aus der Akte. »Entschuldigen Sie, das ist sicher sehr schwer für Sie, aber ich habe in der Leistengegend in Höhe der Arterie eine Hautveränderung entdeckt.«
Auf der Aufnahme, die ihr die Ärztin zeigte, sah Rachel ein unbehaartes Hautstück mit einem erbsengroßen blauen Fleck.
»Sagt Ihnen das etwas?«
Rachel wurde blass. Ja, der blaue Fleck erinnerte an den, den sie vor Kurzem bei Sacha entdeckt hatte.
»Sieht aus wie ein blauer Fleck«, sagte sie und versuchte, ihre Verunsicherung zu verbergen.
»Es handelt sich in der Tat um ein Hämatom.«
»Könnte es durch Akupunkturnadeln hervorgerufen worden sein?«, fragte Rachel vorsichtig und spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. »Meine Schwiegermutter suchte häufig einen Akupunkteur auf.«
»Akupunkturnadeln hinterlassen nicht solche Spuren. Nein, das sieht eher nach einem Venenkatheter aus. Fällt Ihnen dafür eine Erklärung ein?«
Rachel schluckte mühsam. »Nein. Tut mir leid.« Sie trank ihr Wasser aus.
»Für wann können wir die Beerdigung planen? Ihr Sohn wird heute oder morgen in Kopenhagen eintreffen.«
»Was mich betrifft, so ist meine Arbeit abgeschlossen«, antwortete Vita Moling freundlich. »Jetzt müssen nur noch die Formalitäten mit der Polizei abgeschlossen werden, dann steht dem nichts mehr im Weg.«
Rachel erhob sich. »Vielen Dank, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben. Ich muss jetzt meinen Sohn abholen.«
»Danke, dass Sie hier waren, ich habe nicht oft Gelegenheit, die Angehörigen meiner Patienten kennenzulernen. Ich zeige Ihnen den Weg.«
Die beiden Frauen verabschiedeten sich voneinander. Diesmal benutzte Rachel den Haupteingang. Die frische, feuchte Luft draußen kam ihr vor wie ein Segen. Doch dann ergriff sie ein leichter Schwindel, und sie musste sich an die Hauswand lehnen, bis der Anfall vorbei war. Es handelt sich um einen seltenen Tumor mit schlechter Prognose … Akupunkturnadeln hinterlassen nicht solche Spuren … ein Venenkatheter . Sie sah wie in einer verzerrten Großaufnahme den blauen Fleck auf Sachas Rücken vor sich. Rachel unterdrückte die Panik, die in ihr aufstieg. Mein Gott, was hat man nur mit euch gemacht ?
KAPITEL FÜNF
Es war noch nicht acht Uhr, als der Duft nach Toast Samuels Küche erfüllte. Ellen, die nicht wusste, dass ihr Liebhaber einen Teil der Nacht gearbeitet hatte, war früh aufgestanden, um ein gutes Frühstück vorzubereiten. Mit einem Männer-T-Shirt bekleidet, suchte sie in den Schränken, bis sie alles Nötige gefunden hatte, um den Tisch hübsch zu decken. Doch den gab es eigentlich nicht. Stattdessen hatte Samuel ein Klappbrett an die Wand geschraubt, an dem man zu dritt sitzen konnte.
Nach dem Inhalt der Schränke zu urteilen, war dieser Mann, wie alle Franzosen, ein Gourmet. Ellen stellte die Kaffeekanne an die Wand, wickelte die warmen Toasts in eine Serviette und legte Schinken und Salami vom italienischen Feinkosthändler sowie Hartkäse auf einen Teller, dann stellte sie ein Töpfchen mit Hüttenkäse und ein Brett mit Schwarzbrot und französischem Baguette dazu.
Als sie sich gerade den zweiten Toast mit Käse und Schinken machte, kam Samuel aus der Dusche. In Jeans, mit nacktem Oberkörper und nassen, zerzausten Haaren, den geschlossenen Laptop unter dem Arm, trat er in die Küche. »Hej, Miss, gut geschlafen?« Samuel
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